Die Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg

Von Bernhard Kölmel

Das ist eine Bilderbuchgrenze wie aus dem Modellbaukasten: kubische Häuschen mit getönten Scheiben; adrette Beamte in piekfeinen Uniformen und mit einem geradezu mechanischen Bewegungsablauf; exakt geordnete Fahrzeugschlangen auf vier Spuren. Über allem wölben sich die Fahnen der europäischen Nationen im Talwind, und unter allem fließt ein breites Wasser. Die Europabrücke überspannt den Rhein zwischen Kehl in der Bundesrepublik und Straßburg in Frankreich, jenes Stromgewässer, das zwischen Basel und Lauterburg die deutsch-französische Grenze markiert.

Die Grenze verläuft in der Mitte des Wassers, und so sollte man annehmen, daß auch auf der Mitte der Europabrücke der Ausweis zur Passage in das Nachbarland zu zücken wäre. Dem ist nicht so. Die Hüter der Staatsgrenzen befinden sich beiderseits des Flusses auf festem Grund und überlassen den Grenzgänger auf einem Viertelkilometer seinem eigenen Schicksal. Gruppen autonomer Europäer, die für eine Abschaffung europäischer Grenzen überhaupt votieren, planten auf der Brücke schon ein „freies Europa“ einzurichten; eine Brückeninitiative, die jedoch im nebulösen Ansatz steckenblieb. Wirkungsvoller setzen sich in schöner Regelmäßigkeit die Landwirte auf der Europabrücke durch. Vor allem dann, wenn sie der Meinung sind, die Agrarpreise wären so nicht zu halten. Dann stehen Traktoren und anderes landwirtschaftliches Gerät auf der Brücke und lassen keinen durch. Auch nicht die Abgeordneten des Europaparlaments in Straßburg, das gewissermaßen auf Sichtweite der Europabrücke zusammentritt. Da können die Politiker ihren Kollegen auf der beschienten Schwesterbrücke nur nachwinken, weil die sich für die Überwindung einer europäischen Grenze klug der Bahn anvertrauten. Ob sich diese Umsicht erübrigt, nachdem eine „Europaspur“ auf der Straßenbrücke eingerichtet wurde, wird von den berufsmäßigen Pendlern zwischen Brüssel und Straßburg skeptisch beurteilt. Grundsätzlich haben alle Beamten auf allen Fahrspuren weiterhin das Recht, nach eigenem Ermessen Fahrzeuge herauszuwinken und zu kontrollieren – ein Recht, so ein Europaparlamentarier, das die Bauern durchaus dazu ermutigen könnte, im Härtefall auch diese hübsch klingende Straßenspur zu blockieren.

Brücken haben für gewöhnlich bizarre Geschichten, zumeist Geschichten, die in Abständen Zerstörung beschreiben, weil sich Brücken geradezu anbieten zu stürzen. Genauso ging es auch der Brücke zwischen Kehl und Straßburg, die präzise gesehen in ihrer langen Vergangenheit immer den Namen Europabrücke verdient hat. Weil sie eben die Passage zwischen den Herrschaftsbereichen westlich und östlich des Rheins war. Darum mußte sie auch besonders oft stürzen. Zum erstenmal wurde sie im 14. Jahrhundert als feststehende Holzbrücke (lange Bruck) über den ungebändigten Strom mit seinen Schlingen und Schleifen geschlagen – eine für damalige Zeit beachtliche technische Leistung. Mit ebenso beachtlichem Einfallsreichtum wurde das Bauwerk in regelmäßigen Abständen immer wieder zum Teil zerstört. Dafür waren unablässige Territorialhändel zwischen der Straßburger Herrschaft und den rechtsrheinischen Fürsten ausschlaggebend. Endgültig ging die Brücke dann 1796/97 ins Wasser. Künstler und Handwerker aus allen Teilen Europas, die über die Rheinbrücke eilten, um in Straßburg, der kulturellen und wirtschaftlichen Metropole des Oberrheins, ihr Glück zu machen, mußten wieder in Boote umsteigen.

Ein Steg über Holzbooten

Napoleon I., ein entschiedener Europäer, zumindest was seine Machtansprüche anging, ließ 1808 eine neue Brücke bauen, die, kaum war sie fertiggestellt, zwei Jahre später brennend in den Fluten versank. Wagemutig, aber immerhin für die folgenden neunzig Jahre mit Unterbrechungen tragfähig, war die unmittelbar aufs Wasser gesetzte „Schiffsbrücke“. Sie bestand aus etwa fünfzig großen Holzbooten, die in Meterabständen miteinander vertäut waren, und weil sie eben schwamm, konnte sie auch nicht stürzen. Über diesen Booten lag ein sieben Meter breiter Steg aus Holzplanken. 1839 querte Victor Hugo das auf den Wellen wogende Gebilde und schrieb spürbar hingerissen an einen Freund: „Es war zu Kehl vor einem Jahr, wo ich den Rhein zum ersten Male sah. Lange habe ich diesen stolzen, edlen Strom betrachtet, der da so heftig, aber nicht maßlos, so wild und doch so majestätisch dahinfloß. Er war hochgeschwollen und sah, als ich über ihn wegfuhr, großartig aus. ... Ja, mein Freund, das gibt dem Fluß seinen Adel, daß er gleichzeitig feudal und republikanisch, kaiserlich und würdig, deutsch und französisch sein kann. Die ganze europäische Geschichte spiegelt sich in diesem Strom der Krieger und Denker, in dieser herrlichen Welle, die Frankreich begeistert, in diesem geheimnisvollen Gemurmel, das Deutschland besinnlich macht.“