Baden-Baden

Es sieht nicht gut aus für Hans-Otto Scholl. Die jetzt beginnende Hauptverhandlung gegen den FDP-Politiker und promovierten Rechtsanwalt aus Ludwigshafen-Oggersheim wird von widrigen Umständen nur so wimmeln, und nicht ohne Grund haben die Strafverfolgungsbehörden so auffallend rasch die Aktivitäten des früheren Pharma-Geschäftsführers Scholl in Bonn als (strafrechtlich) unerheblich oder verjährt eingestuft und sich weitere Ermittlungen gescnenkt: Störfaktoren und Unwägbarkeiten aller Art sollen erst einmal ausgeklammert werden, damit der Baden-Badener Prozeß in Ruhe abrollen kann.

Dennoch wird der negative Wundertier-Effekt, der von einem des schweren Raubes und der gefährlichen Körperverletzung in einem Juwelierladen angeklagten Spitzenpolitiker und Hansdampf in allen Kassen ausgeht, für unerfreuliche Neugier und hektischen Medienrummel im Gerichtssaal sorgen, für jenen widerlichen Umtrieb, der von der geplanten Reform zurückgedrängt werden soll. Ein Angeklagter in schlechter Situation, der von einer eingehenden Beweisdarstellung in den Medien bereits schuldig gesprochen scheint, wird durch Lampen und Kameras des Fernsehens allein schon mehr zum Täter. Es wird höchste Zeit, daß dieses Treiben eingeschränkt wird.

Scholl ist tatsächlich in einer miserablen Lage. Die Beweise, die die Staatsanwaltschaft zum Teil bereits präsentiert hat, sind erdrückend. Es gibt kein lückenloses Alibi; zwei Zeugen, die in dem Laden gefesselt und mißhandelt wurden, erkannten ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit als den Täter; er hat sich nach dem Zeitpunkt des Überfalls merkwürdig verhalten, nämlich der Polizei falsche Angaben gemacht, einen neuen Mantel gekauft und angezogen, die Haarfarbe ändern und sich die Haare schneiden lassen. Daß er an diesem 28. Dezember 1984 in Baden-Baden war und zum Zeitpunkt, als der Überfall in dem Juwelierladen Robert Koch stattfand, in der Bäderstadt umherbummelte, bestreitet er gar nicht. Der Täter des Überfalls schoß in die Decke – Scholl hat einen Waffenschein für einen Revolver des Typs, von dem die Kugel stammt. Doch Scholls Revolver ist verschwunden – verschwunden ist auch die Tatwaffe, mit der der Sohn des Juweliers und seine Freundin bedroht wurden.

Das geraubte Gut, mehr als 70 Schmuckstücke im Wert von gut zweieinhalb Millionen Mark und einer Geldsumme von etwa 2000 Mark, ist verschollen. In einem Safe in Zürich, wohin Scholl nach dem Zeitpunkt der Tat gereist war, fand die Polizei zwei Ringe, die vielleicht aus dem beraubten Juwelierladen stammen, und jene brisanten Akten Scholls, deren Inhalt jetzt eine gute Handvoll Politiker als reichlich Pharma-ergeben kennzeichnet.

Die Blätter, inzwischen von der Staatsanwaltschaft Baden-Baden an die Staatsanwaltschaft in Mainz übergeben, machen die Tatsache zweifelsfrei, daß dieser Safe Scholls Safe war. Es scheint so, als hätten die Eigentümer der Ringe diese wiedererkannt, nachdem sie sie dem Juwelier Koch in Kommission gegeben hatten. Aus einem der Ringe ist der Stein entfernt. Scholls Verteidiger Egon Geis ist in diesem Punkt zuversichtlich: die Eigentümerin habe zwar den Ring, nicht aber den Stein hundertprozentig als ihr Eigentum erkannt. Doch die Karatzahl stimmt überein.

Um solche Details wird wohl in der Hauptverhandlung gerungen. Jedenfalls wollen die beiden Verteidiger Egon Geis und Rüdiger Weidhaas die „Sachidentifizierung“ Scholls angreifen, so mühsam das sein mag. Die Identifizierung über die beteiligten Personen scheint Geis leichter erschütterbar: „Da kann man anständig arbeiten. Da hat man eine Menge Chancen.“ Das will sagen, daß sich die beteiligten Zeugen auf intensive Befragungen und Glaubwürdigkeitsproben gefaßt machen müssen.