Von Peter Christ

Der diplomatische Aufwand ist der Krise angemessen: Kuwaits Ölminister flog nach Algerien, Venezuelas Ölminister nach Libyen und sein mexikanischer Kollege nach Nigeria, um dort ihre jeweiligen Pendants zu treffen. Zweck der Übung: Die drei afrikanischen Ölländer sollten einer Reduzierung der offiziellen Ölpreise zustimmen. Wenige Tage später, am vergangenen Wochenende, bearbeiteten Algeriens und Libyens Ölminister in Algier ihren nigerianischen Kollegen. In seiner Hauptstadt Quito forderte unterdessen der ecuadorianische Präsident eine informelle Allianz lateinamerikanischer Ölförderländer, um ihre Interessen gegen die Opec zu verteidigen.

Kein Zweifel – es ist mal wieder soweit. Die Opec trifft sich zu einer außerordentlichen Konferenz im Hotel Intercontinental in Wien. Im einst als mächtigstes Kartell der Weltgeschichte bezeichneten Klub von dreizehn Ölexportländern geht es drunter und drüber. Nur noch wenige Mitglieder halten sich an die erst Ende Januar in Genf vereinbarten Preise und Förderquoten.

Selbst dem an vornehmer Zurückhaltung kaum zu übertreffenden saudischen König Fahd wurde es zu bunt. „Wenn die Betrügereien bei der Ölproduktion und bei der Preisgestaltung so weitergehen, wird das Königreich seine Preise senken und die Ölförderung erhöhen“, donnerte der Monarch des mächtigsten Opec-Landes. Und sein Ölminister Scheich Jamani drohte: „Wenn die Opec nicht den Interessen aller Mitgliedsländer dient, gibt es keinen Grund, noch in der Opec zu sein.“

Den Saudis schienen Zweifel am Sinn ihrer Kartellzugehörigkeit zu kommen. Wie kaum ein anderes Mitglied hielten sie sich an Absprachen – und müssen dafür büßen. Weil der Wüstenstaat, der über die größten Ölreserven der Welt verfügt, sich weitgehend an die im Januar in Genf vereinbarten Preise hält, verliert er Kunden an die weniger ehrlichen Kartellbrüder. Saudi-Arabien verkaufte im Mai und Juni täglich nur noch knapp 2,5 Millionen Barrel (zu je 159 Liter) Rohöl und erreichte damit bei weitem nicht die ausgehandelte Förderquote von 4,35 Millionen Barrel pro Tag.

Selbst der reichen Monarchie fehlen mittlerweile die Petrodollar. In der Zahlungsbilanz klafft eine Lücke von zwanzig Milliarden Dollar. Nur die Vereinigten Staaten haben ein größeres Defizit. Hält dieser Trend an, so werden die rund 120 Milliarden Dollar, die der König im Ausland angelegt hat, in wenigen Jahren aufgezehrt sein. Im öffentlichen Dienst wurden schon die Gehälter gekürzt, Gastarbeiter in ihre Heimat geschickt, und die staatliche Entwicklungsgesellschaft Saudi Basic Industries begleicht immer langsamer die Rechnungen ihrer Lieferanten.

Jetzt nicht sich, daß die Saudis im März 1983, als sie nach langen Verhandlungen in London eine Ölpreissenkung von fünf Dollar durchsetzten, die Rolle des swing producers in der Opec übernommen haben. Nachfrageschwankungen wollten sie künftig ausgleichen, um so den anderen Opec-Mitgliedern stabile Ölexporte zu sichern.