ARD, Dienstag, 9. Juli, 16.10 Uhr: "Der Katalog", Film von Detlef Gumm und Hans Georg Ullrich

Es geht um ein Buch: "Der Bestseller des Jahres", wird Hans Magnus Enzensberger zu Beginn zitiert, "ist unter Ausschluß der (literarischen) Öffentlichkeit erschienen; kein Hahn hat nach ihm gekräht; kein Rezensent hat ihn unter die Lupe genommen... Trotzdem hat das Werk in wenigen Wochen eine Millionenauflage erlebt. Es ist kein Roman, sondern ein "ich- und Handbuch, das ein eingehendes Studium verlangt. Keiner unter seinen Benutzern stellt es angelesen in den Bücherschrank. Griffberei: liegt es auf den Küchentischen, auf den Fenstersimsen, auf den Kommoden..."

Der Katalog eines Versandhauses – wirklich ein "Sach"-Buch. Der Film zeigt das Entstehen eines Otto-Kataloges: Von der Beratung darüber, was alles verkauft werden soll, über die graphische Gestaltung, Photoaufnahmen DB hin zur Auswahl des Titelbildes.

Acht Milliarden Mark Umsatz macht der Otto Versand jährlich, und alles hängt am Katalog. Der muß die Ware so zeigen, daß der Kunde sie kauft, ohne sie in der Hand gehabt zu haben.

Zum Beispiel: Kleidung. "Hell, frisch, duftig, jung"‚ sollen Frauen in Otto-Kleidern aussehen. Was die Kleider vor der Katalogkamera nicht schaffen, müssen die models ’rausholen, Mädchen zwischen 16 und 22 Jahren, die für 800 DM Tagesgage und mehr "katalogig" aussehen. "Das Schönste an den Kleidern", sagt ein Photograph, "sind die Mädchen, die sie anhaben". Damit meint er die models, nicht die Kundinnen.

Viel wird draußen photographiert: in Madrid, Israel, Tunesien, auf Gran Canaria und Zypern. Ungeduldig warten die Teams auf "vorteilhaftes Licht". Von der exotischen Umgebung ist später im Heft nichts zu sehen. Auch nichts von den Helfern, die das model umstehen, und die vom Boden aus den Mantel stramm halten, damit er faltenfrei fällt.

Falten! Bestgebaute Männer in Unterhosen: das Unterhemd muß über dem Bund abgeschnitten werden, damit es in der Hose ja keine Falten gibt. Alles müsse "glatt stehen", sagt der Photograph. Aber, wendet das Fernsehteam ein, so kriegt ein Kunde das doch nie hin. Antwort des Photographen: brauche er auch nicht – er soll es ja nur kaufen.