Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juli

Dienstag, 2. Juli 1985: Die Zeiger der Uhren an den Kreml-Türmen rücken auf 9.30 Uhr Moskauer Zeit vor. Hinter den hohen Mauern strömen die 1500 Delegierten des Obersten Sowjets – des rein repräsentativen Parlaments – zu ihrer Sommertagung zusammen. Diskret werden die Karossen der ausländischen Botschafter in eine Gasse im Innenhof dirigiert. Allmählich füllt sich der Sitzungssaal des großen Kreml-Palasts. Usbekinnen und Kirgisinnen mit langen Zöpfen unter den bunten Kopftüchern sitzen in Reihen zusammen wie Großfamilien. Unmittelbar vor ihnen hat der Oberkommandierende des Warschauer Paktes, Marschall Kulikov, seinen Sitz. Er begrüßt den Abgeordneten neben ihm mit Bruderkuß. Weiter hinten nimmt der grau gewordene Marschall Ogarkow, der 1984 völlig überraschend den Posten des Generalstabschefs abgeben mußte und kürzlich mit einem Buch über Strategie wieder von sich reden machte, seinen Platz ein. Sichtbar angeregt unterhält er sich mit dem vor ihm plazierten Leiter des angesehenen Amerika-Instituts, Georgij Arbatow.

Nichts da unten im Saal deutet auch nur die Ahnung einer historischen Stunde an. Oben freilich, auf den schmalen Emporen und Couloirs, wo sich Diplomaten und Journalisten drängen, wächst die Spannung von Minute zu Minute. Seit Tagen schon stieg die Flut der Gerüchte und die Zahl der Wetten über die Frage, ob der 54jährige Michail Gorbatschow oder der 76jährige Außenminister Andrej Gromyko zum neuen Staatsoberhaupt (genauer: Vorsitzender des Obersten Sowjets) gekürt werden würde.

Andererseits, so erwägen flüsternd Botschafter, Beobachter und Journalisten auf den Emporen bis in die letzten Minuten vor Beginn der Sitzung: Kann man Gorbatschow jetzt nicht alles zutrauen? Hat nicht der blitzschnelle und bodenlose Sturz seines härtesten Rivalen, des konservativen "Eisenfressers" Grigorij Romanow, am Montag dieser Woche bewiesen, daß der neue Generalsekretär in einem Eilmarsch zur Alleinherrschaft schreitet, die einmalig ist in der Sowjetgeschichte?

Punkt zehn Uhr betritt Michail Gorbatschow den Kreml-Saal. Kurzer Beifall, keine Ovationen: Personelle Allmacht, aber kein Personenkult lautet seine machtpolitische Devise für den "Umbau" (das Wort Reform wird vermieden) der Wirtschafts-, Regierungs- und Parteistrukturen. Neben dem Generalsekretär nehmen nur noch Tichonow und Gromyko Platz, die beiden anderen Stühle der ersten Reihe bleiben leer. Von der zweiten Reihe an sitzen die übrigen Politbüromitglieder: nicht mehr, wie bisher üblich, nach der Rangfolge ihrer Machtpositionen, sondern durcheinander gewürfelt, als hätte Gorbatschows Garde um den neuen Chefideologen Ligatschow, den Wirtschaftskapitän Rysnkow, den KGB-Chef Tschebrikow und den – so heißt es – künftigen Ministerpräsidenten Worotnikow die Demonstration ihres Stellenwerts schon nicht mehr nötig.