München „Bayerische Rokokoplastik – Vom Entwurf zur Ausführung“

Kunstwerke aus Kirchen sind in Museen eigentlich immer fehl am Platz, und das gilt ganz besonders für Ausstattungsteile aus Rokokobauten – herausgelöst aus dem Zusammenhang eines übergreifenden dekorativen Systems wirken Altarbilder oft blaß und Skulpturen, die an Ort und Stelle figürliche Ornamente sind, erscheinen als autonome Arbeiten. Die Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum versucht nicht, eine Atmosphäre zu inszenieren, die sich nicht herstellen läßt, sie ist ein unaufdringlich didaktischer Lehrpfad zum Verständnis von Entstehungsbedingungen und Funktion der Rokokoplastik und auch eine Anleitung zum Genuß der Kunstwerke. Ausgehend von der sozialen Stellung von Bildhauern, die anders als die kurfürstlichen Hofbildhauer Privatunternehmer waren, in Ausnahmefällen hofbefreit (also nicht den Zunftzwängen unterworfen), zeigt die Ausstellung, welches Studienmaterial den Künstlern zur Verfügung stand (überraschend bei Bildhauern, die hauptsächlich für die Kirche arbeiteten, handelte es sich dabei oft um weltliche Vorbilder) und wie Aufträge zustandekamen. Zeichnungen, die durch die Unterschrift von Künstler und Besteller den Charakter von Verträgen annehmen konnten, sowie kleine plastische Modelle dienten zur Fixierung des Entwurfs, der nicht in allen Einzelheiten mit dem ausgeführten Werk übereinstimmte. Ignaz Günther, der mit Johann Baptist Straub im Mittelpunkt der Ausstellung steht, hat Figurengruppen in mehreren Zeichnungen kompositorisch sozusagen optimiert, das fertige Werk sah dann in entscheidenden Punkten doch ganz anders aus. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, daß der Bildhauer sich mit Malern, Freskanten und Stukkateuren, die ebenfalls für die Gesamtwirkung eines Kircheninneren verantwortlich waren, arrangieren mußte – man hat das in Baumodellen von Kirchen durchgespielt, die eine Vorstellung von der Farbigkeit und der Plastizität des Raumes gaben. In dieser Situation hatte der Bildhauer sich als Künstler zu erweisen. Wie ihm das gelungen ist, kann man in den Kirchen selbst erleben. Die Ausstellung hilft, die Ausstattung der Rokokoräume richtig zu sehen. (Bayerisches Nationalmuseum, bis zum 21. Juli, Katalog 28 Mark)

Helmut Schneider