GEISEL, masculinum, obses, bürge, althochdeutsch kîsal, gisil, schwedisch gislan, dänisch gissel, gidsel. in der form wechseln stark und schwach schon im mittelhochdeutschen. die starke form ist vorherrschend, hat auch neuhochdeutsch den platz behalten und findet sich selbst im Plural: die persönlichen leiden der weggeführten geisel (Göthe: „Schweizerreise“ von geisein, welche die Frankfurter den Franzsosen im jahre 1797 hatten stellen müssen. Jetzt (1897) ist allein geisein plural gebräuchlich.

auch im geschlecht ist wechsel. mittelhochdeutsch erscheint geisel auch als neutrum, das heiszt es es sind kinder, fürstenkinder, dem kaiser als bürgschaft von den vätem gegeben, daher das neutrum; es war alte sitte, sich vom gegner so sein wertestes, die Zukunft seines hauses und landes als pfand geben zu lassen, daher auch diu kint und bloszes geben in ursprünglichen texte für ze gisel geben.

aber auch als feminium: ich wil nur meine schuld gerade zu bekennen, / und deine (gottes)geisel mich ganz unverholen nennen (Paul Fleming, 1609-1640), mich deiner gewalt überantworten, zur bestrafung. das Femininum erscheint schon altnordisch, doch nur im plural geisein stellen, setja gislar, aber auch gisling, geiselschaft, das heiszt das abstractum für das concretum, der begriff für den träger des begriffs gesetzt. dieser begriffstausch liegt auch vor in französisch otage, italienisch ostaggio, englisch hostage, altfranzösisch hostage, die im mittellateinischen hostagium (von obses) deutlich die begriffliche auffassung zeigen, dann aber den geisel selber bezeichnen.

wiewol geisel schon im althochdeutschen nur obses, vades glossiert, zeigt es sich doch noch mittelhochdeutsch auch blosz für kriegsgefangener, den der sieger (vorläufig) leben laszt, nicht als bürgen für spätere leistungen, sondern aus gnade oder edelmut.

bildlich von einem liebenden als gefangenn der Minne, mit gevangen wechselnd, und so, dasz an eine auslösung eben gar nicht gedacht wird: frou Minne vie den riter sâ / und zoch in in in hâmit (festen hag).../ ze gisel muos er ir den mout / geben und daz herze sîn / daz diu beide muosen sîn / ir gevangen biz an ir tot. („Wigalois“, Volksbuch, um 1493). aber auch von todten und schwerverwundeten, die liegen bleiben, heiszt es in mörderischem kämpfe: ze gisele si da liezen / manigen eilenden gast (Pfaffe Lamprecht: „Alexander“, 12. Jahrhundert), nicht von gefangenen, wie der Zusammenhang zeigt, es musz ein hohnwitz in der kriegssprache gewesen sein.

aber auch ganz anders, im dienste des herrn, auf wichtiger Vertrauensstelle, ein hoher kaiserlicher beamter heiszt einn gisl keisarans. gewöhnlich ist geisel ein bürge, den einer aus dem kreis der seinen in die gewalt eines andern gibt als bürgschaft und Unterpfand für eine schuldige leistung bis zu deren erfüllung. Aventin erklärt: der geisel ist bei den alten Teutschen gleich so vil als ein lebendig pfand gewesen.

so im kriegsieben: vom molossischen Volke gesendet / war ein geisel daselbst, dem bohrt er den, dolch in die gurgel (Johann Heinrich Voss, 1751-1826, Übersetzung Ovids).