West-Berlin

Erna Rosinger ist heute kreuzfidel. Ihre praktische Windjacke hat sie angezogen und die strapazierfähigen Hosen. Aufgekratzt steht sie vor dem großen silbernen Motorrad, freut sich, wie das alles blitzt, bewundert vorn die stabile Verkleidung gegen Wind und Regen, hinten die breiten Gepäckkoffer. Aus ihrer Handtasche holt sie die kleine Filmkamera und verewigt stolz "ihre" Honda fürs Familienarchiv. "Mein Name ist Rosinger", hatte die winzige Frau sich dem eigentlichen Besitzer der schweren Maschine vorgestellt. "Dieter, nur Dieter", vereinfachte der große Junge mit dem breiten Kreuz die weitere Konversation und reichte ihr den Zweithelm. Frau Rosinger ist heute nachmittag seine Sozia.

"Mein Sohn hat gesagt, ich spinne", erzählt sie. Dabei hat der Innensenator persönlich zu dieser "Begegnung der Generationen", zur "flotten Tour durch die Stadt", eingeladen, Kaffee und Kuchen auf seine Kosten eingeschlossen. 80 Mitglieder von Berliner Motorradklubs haben ihre Maschinen gewienert und vollgetankt und warten nun vor dem Schöneberger Rathaus auf ihre Beifahrer. Und 48 Herrschaften im besten Rentenalter mit unternehmungslustigem Blick und wetterfester Kleidung haben sich, oft daheim bespöttelt von den Kindern und Enkeln, ein Herz gefaßt.

Weil sie als Beifahrer aber in der Minderzahl sind, werden noch rasch ein Rentnerehepaar aus München und eine alte Dame aus Rüsselsheim, die eigentlich nur das Schöneberger Rathaus besichtigen wollten, erfolgreich angeworben.

"Was für Musik hören Sie gern?" fragt Dieter Frau Rosinger lässig und demonstriert ihr den Kassettenrecorder, der vorn in seine imponierende Maschine eingebaut ist. Beinahe schon mit leiser Verachtung im spöttischen Blick bedenkt Frau Rosinger ihre Altersgenossin, die nebenan gerade auf mein rustikales Geländemotorrad klettert. Frau Stein ("ich bin über sechzig") macht das sehr geschickt und legt sich später in die Kurve wie ein Profi.

Beim ersten Stopp, auf dem Gelände des nagelneuen Grenzkontrollpunktes Heiligensee im Norden Berlins, präsentieren die Beamten von Senator Heinrich Lummer ihre Schokoladenseite. Die Motorradsportgruppe der Berliner Polizei reißt die alten und jungen Zuschauer zu Beifallsstürmen hin: Kopfstände auf dem fahrenden Motorrad; rückwärts sitzende Fahrer, die Kurven elegant bewältigen. Angekündigt und kommentiert werden die akrobatischen Glanzleistungen aus einem Mannschaftswagen mit dicht vergitterten Scheiben, zum Schutz gegen Steinwürfe. So erfolgreich hat die Berliner Polizei schon lange nicht mehr bei Jüngeren für sich geworben.

"Schade, daß man schon so alt ist", sagt Frau Stein bei Erdbeertorte und Kaffee Hag im Gartencafé "Haus Dannenberg" zu ihrer Freundin, Frau Mangelsdorf, mit der sie bis zu ihrer Pensionierung im März zusammengearbeitet hat, als Verkäuferin. Noch nie zuvor hat Frau Stein auf einem Motorrad gesessen, und nach nur einer Stunde Fahrt meint sie: "Ich wohne in einem Haus direkt neben einer Ampel. Und nachts machen die Motorradfahrer da immer einen Krach beim Anfahren, da fallen Sie aus dem Bett. Aber jetzt bin ich milde gestimmt, jetzt dürfen sie."