ARD, Donnerstag, 27. Juni: "Gesucht wird Josef Mengele", Reportage von Felix Kuballa; ZDF, am selben Tage: Magazin für Lebensfragen, "Querschnittgelähmt – und wie geht unsere Ehe weiter?", Moderation: Michael Albus

Am Donnerstag voriger Woche konnten wir zwei Sendungen sehen, die einander ergänzten: Was der Mensch ist und was er sein kann, Kain und Abel wurden uns vorgeführt, die Licht- und Schattenseiten in Gottes außer Kontrolle geratener Schöpfung.

Mit der Schattenseite begann es: "Gesucht wird ... Josef Mengele." Felix Kubaila zeigte uns den Teufel in Menschengestalt, einen humanistisch gebildeten Mörder, Beethoven zugetan und selbstverständlich auch Gedichte schreibend. Einen Mann, dem es gefiel, Säuglinge bei lebendigem Leibe ins Feuer zu werfen.

Dann, zu unserem Trost, im Zweiten Programm zwei andersartige Exemplare der Gattung Mensch. Günter Hove beschrieb sie: die Frau querschnittgelähmt, der Mann ihr treu geblieben. Beide einander zugetan, das Leid umkehrend und daran wachsend. Zwei Menschen, die anderen, die dasselbe zu erdulden haben, zum Segen werden. Der Mann, der nicht einmal das Wickeln seiner Kinder mitansehen konnte, weil er sich davor ekelte, legt nun seine Frau trocken – seit fünfzehn Jahren Tag für Tag. Er wäscht ihr das Haar und schminkt sie, er füttert seine Frau, und die Grammophonplatte muß auch mal wieder umgedreht werden.

Die säuselnde Sphärenmusik, die aufstieg, wenn die beiden mit ihren gutgewordenen Gesichtern ins Bild kamen, wäre gar nicht nötig gewesen – dies Schicksal griff uns ohnedies ans Herz. Neunzig Prozent solcher Ehen gehen in die Brüche, wurde gesagt. Man stellte sich denn auch sofort die Frage: Was tätest du in diesem Fall? Wenn man nicht aus seiner Nachbarschaft ähnliche Beispiele kennte, man würde nicht glauben, daß es ein solches Maß an Treue gibt.

Für den anderen Fall, den Fall Mengele, fehlen alle Vergleichsmaßstäbe – dergleichen Ungeheuer geben sich in unserer Nachbarschaft nicht zu erkennen. Wie gut, daß Überlebende von Treblinka und Auschwitz erzählen konnten, daß wir ganze Bibliotheken voll von Zeugnissen haben und sogar Photos und Filme, sonst könnte man auch dies nicht glauben. Das schreckliche Photo von Ossietzky, dem schmalen, erschöpften Menschen, neben dem robusten SS-Offizier, die jüdische Greisin, der eine Reitpeitsche unters Kinn gehalten wird, und die für den ganzen Holocaust stehende Bildsequenz, in der armselige KZ-Kinder ihre Ärmel aufkrempeln und die eintätowierten Nummern zeigen. Zur Lebensgeschichte des Auschwitz-Kommandanten Höss, zu den Majdanek-Filmen von Fechner kömmt nun die Vita eines Täters, der an Kindern sogenannte Zwillingsforschung betrieb und, sich sein Arbeitszimmer mit aufgespießten Augäpfeln dekorierte. An drei Bildern war sie festzumachen: Mengele als junger Arzt, das schwarze Haar gescheitelt, die groben Zähne entblößt, dann als Greis wie ein Ufa-Schauspieler kostümiert mit Schnurrbart und feschem Hut. Und schließlich als exhumierter Schädel, einer Kokosnuß nicht unähnlich.

In der Zeitung hat dieser Tage gestanden, daß es für Mengele vielleicht schlimmer war, von einem Land ins andere zu flüchten als vor ein Gericht gestellt zu werden. Mag sein: Daß er ungeschoren blieb, gibt uns zu denken. Um jedoch daraus zu lernen und Folgerungen ziehen zu können, müssen wir nicht nur die Namen der mit Eichenlaub dekorierten Nazis kennen, die ihn schützten, wir wollen nun auch wissen, welche Bundesverdienstkreuzträger hierzulande durch Kalkül oder Schlamperei die Opfer um die Sühne betrogen: Wer ließ Mengele entkommen?

Walter Kempowski