Von Hans Jakob Ginsburg

So wenig hielten die Deutschen noch nie von ihrem amtierenden Bundeskanzler, jedenfalls noch nie, seit Meinungsforscher systematisch die Ansichten der Wähler zu durchleuchten versuchen. Es sind immerhin 15 Jahre, in denen der Kanzler meßbar stets mehr beim Volk galt als seine Partei – wie wahrscheinlich auch in den ersten zwei Jahrzehnten der Bonner Republik. Das Wort „Kanzlerbonus“ ist zum gängigen Begriff im politischen Kalkül geworden. Jetzt gibt es offenbar das genaue Gegenteil; den „Kanzlermalus“, also das schlechte Ansehen des Bundeskanzlers, das seiner Partei schadet.

So scheint es sich gerade aus jenen Umfragen zu ergeben, die die Union hoffnungsfroh stimmen: „Kohl null Punkte, aber Koalition vorn“ schrieb die Bild-Zeitung Ende Juni aufgrund einer Umfrage des Bielefelder Emnid-Instituts (CDU/CSU 43 Prozent, SPD 41 Prozent, FDP 9 Prozent, Grüne 5 Prozent). Infratest dagegen, das Münchner Konkurrenzinstitut der Bielefelder, sah die Unionsparteien Mitte Juni bei 39 Prozent, die SPD bei 48, die beiden kleinen Bundestagsparteien bei je sechs Prozent. Über die Wahlabsichten der Bundesbürger sind die Forschungsinstitute derzeit uneins; einig sind sie im Urteil über die Unbeliebtheit Helmut Kohls.

Das Ansehen der Politiker messen die professionellen Volksbefrager an einer aus Amerika importierten Beliebtheitsskala, die von minus fünf bis plus fünf reicht. Der Durchschnittsdeutsche hat grundsätzlich eine gute Meinung von seinen Politikern; genauer gesagt: Den Führern der eigenen Partei geben die meisten Befragten sehr gute Noten; die Spitzenleute des politischen Gegners erhalten meist milden Tadel oder allenfalls verhaltenes Lob.

Summiert ergibt das Werte im Plusbereich der Skala – es sei denn, der jeweilige Politiker zieht die ganz besondere Abneigung seiner politischen Gegner auf sich, wie das etwa bei Willy Brandt in den späten siebziger Jahren der Fall war und bei Franz Josef Strauß bis 1985. Der Bundeskanzler dagegen genoß offenbar stets auch eine gewisse Wertschätzung bei den Wählern der Opposition. Das galt für Willy Brandt auch noch in der Zeit, da seine Kanzlerschaft verfiel; das galt für Helmut Schmidt auch über seinen Sturz hinaus: Kohls Vorgänger, nach dessen Beliebtheit die Demoskopen nicht mehr allmonatlich fragen, erreichte bislang immer noch (zuletzt im Winter 1984/85) höhere Werte als alle aktiven Bonner Politiker.

Und Helmut Kohl? 1983, unmittelbar nach dem Wahlsieg, lag der Kanzler im Politikbarometer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen bei 1,8 Pluspunkten, für einen Regierungschef nach aller Erfahrung ein respektabler, normaler Wert. Seitdem, jedoch sank diese Meßzahl kontinuierlich auf den statistischen Nullpunkt im Juni 1985. CDU/CSU-Anhänger halten zwar heute mit dem Durchschnittswert 2,7 ihrem Kanzler noch halbwegs die Treue. Bei den Anhängern anderer Parteien dagegen ist Kohl so ungeliebt wie Franz Josef Strauß in früheren Jahren. Warum gewinnt der Bayer an Popularität außerhalb des eigenen Lagers? Die Meinungsforscher sind vorsichtig, wenn es ans Interpretieren geht. Einer zitiert zur Antwort die Düsseldorfer Kabarettistin Lore Lorentz: „Ich nehme Kohl übel, daß im Vergleich zu ihm Strauß so sympathisch wirkt.“

Bei den Unionsanhängern ist das sicher anders. Die Forschungsgruppe Wahlen hat im Juni zum ersten Mal die CDU- und CSU-Anhänger unter den Bundesbürgern gefragt, wen die Union bei der nächsten Wahl als Kanzlerkandidaten präsentieren soll. Helmut Kohl „gewann“ die Umfrage mit 54 Prozent – Strauß erhielt 18 Prozent, Gerhard Stoltenberg 14 Prozent und die beiden Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Lothar Späth je sieben Prozent. Nur auf den ersten Blick ein gutes Ergebnis für Kohl. Man stelle sich nur vor, das Bonner System sähe wirklich eine Vorwahl vor, wie die Sozialforscher sie jetzt simulierten: Ein Amtsinhaber, den gerade die Hälfte der eigenen Partei favorisiert, wäre ein beinahe sicherer Verlierer im Endkampf gegen die Opposition.