Steine des Anstoßes, Male des Mahnens, Monumente der Eitelkeit

Auf Regen folgt Sonne: Nicht von diesem Sommer ist die Rede, leider, sondern von der Kunst, speziell der Denkmalskunst, Unterabteilung Hamburg. Vor einem Monat noch hatte man die Vorstellung und Einweihung des ersten Viertels eines Anti-Kriegsdenkmals von Alfred Hrdlicka durchlitten: Krieg und Vernichtung, Schuld und Schmerz, Hakenkreuz und Feuertod wurden erinnert und diskutiert. Der Erste Bürgermeister und seine Kultursenatorin begründeten den Entschluß, mit diesem Denkmal ein anderes, 1936 entstandenes Kriegerdenkmal zu konterkarieren, das, zum Stein des Anstoßes geworden, immer wieder Sprayer und Farbbeutelwerfer angezogen hatte. Und nun steht Alfred Hrdlickas erste Rate, eine etwas seltsam widersprüchliche Mischung aus marmorner Wucht und bronzenem Tröpfelwerk, also am Stephansplatz, abgesperrt mit rotweißen Signalschranken (man darf hoffen, daß so die Passanten vor möglicherweise herabfallenden Bronzeteilen geschützt werden sollen).

Aber: Wer gibt, dem wird auch gegeben. Als Helga Schuchardt und Klaus von Dohnanyi vergangene Woche zur nächsten Denkmalspressekonferenz einluden, da durften sie strahlend mitteilen, daß es sich diesmal um ein für die Stadt völlig kostenloses Werk handele: Ulrich Rückriem (Sockel) und Jörg Immendorff (Figur) wollen ein Denkmal von und für Hans Albers errichten und es der Heimatstadt des Schauspielers und Sängers schenken. Es soll mitten in St. Pauli stehen, dort, wo Albers’ berühmte Filme "Große Freiheit Nr. 7" und "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" gedreht wurden und wo (nämlich am Hans-Albers-Platz) Jörg Immendorff seit einem Jahr Kneipenbesitzer ist. Jörg Immendorff, schwungvoller Produzent bombastischer Bühnenbildmalerei, hatte gerade an den Kunstakademien von München und Düsseldorf erleben müssen, daß selbst genügsame deutsche Kunststudenten das, was er zu bieten hat (in erster Linie eine schwarze Limousine, schwarze Lederkleidung, Gold im Ohr, am Arm und an den Fingern), als Unterricht etwas zu wenig fanden. Also legt er lieber wieder ein Stück astreiner Kunst vor. Oder soll man das Denkmal eine andere Art von Selbstdarstellung nennen? Ulrich Rückriem, dessen minimal bearbeitete Steinblöcke eine delikate, aufregende Grenze zwischen Natur und Kunst sichtbar machen, ist da von anderem Gewicht. (Der Entschluß zur künstlerischen Kooperation mit Immendorff ist, so darf man sich vielleicht vorstellen, in der Kneipe "La Paloma" und begleitet von den Segnungen des Schnapses entstanden.)

"Was liegt näher, als auf dem tristen Hans-Albers-Platz ein – längst überfälliges – Denkmal für den großen Sohn dieser Stadt aufzustellen", sagte Immendorff (diesmal im dunklen Anzug und mit feiner Krawatte), dem sonst immer die deutschdeutsche Tragödie von der Leinwand trieft. Und alle nicken, denn diese Ehrung ist ja um Gotteslohn: knapp drei Meter hoch, aus Bronze, eine klotzige Figur, die Hand an der Seemannsmütze, die Ziehharmonika schleift am Boden, auf das Sinnbild kommt es an, nicht auf die Ähnlichkeit, sagte Immendorff. Nichts liegt näher, besonders wenn es kostenlos ist. Und wenn man an das schwermetallene Liniengewoge denkt (zu Ehren von Johannes Brahms) oder den auf dem großen Rathausplatz wie verloren stehenden abstrakten Gartenzwerg (zu Ehren von Heinrich Heine – damals übrigens lehnte man einen eindrucksvollen Entwurf von Rückriem ab), dann weiß man ohnehin, was die Denkmal-Stunde geschlagen hat. Nicht nur in Hamburg.

Kann und soll man heute überhaupt noch Denkmäler für große Söhne (wo sind die Töchter?), für und gegen Krieg und Frieden machen? Ossip Zadkines Mahnmal für die Kriegstoten von Rotterdam (1953) war hier die letzte überzeugende Künstlertat. Hans Albers, der Sänger mit dem Timbre und der Aura dessen, was Nicht-Hamburger sich gern unter der sogenannten Waterkant vorstellen, hatte da als Publikumsliebling instinktiv eine sehr kluge Meinung. Er wolle kein Denkmal, hat er gesagt: "Sonst fall ich noch vom Sockel." Da freilich hatte er die Rechnung ohne die-Künstler gemacht. Petra Kipphoff