Wenige Stunden vor der Wahl des neuen Berliner SPD-Landesvorsitzenden sagte Fraktionsgeschäftsführer Gerhard Schneider: „Egert wird 30 Stimmen Vorsprung haben. Die Leute wollen einen harten Mann. Der powert einfach mehr.“ Jürgen Egert wurde mit 132 Stimmen zum neuen Landesvorsitzenden gewählt, sein Konkurrent Nils Diederich bekam 106 Stimmen. Egert hat die „Integration von links“ angeboten, und er fordert, daß die SPD „wieder an die besten Traditionen des roten Berlin anknüpft“. Ein rechter Sozialdemokrat kommentierte: „Das war wenigstens offen. Da wissen wir, wo es hinläuft.“

Mag sein, daß er sich irrt, obwohl viele Genossen aus der Mitte und vom rechten Flügel Egerts Integrationsangebote nicht recht ernst nehmen. Die Berliner SPD braucht aber nach ihrem schlechtesten Wahlergebnis seit 1907 eine schwungvolle Führung, eine Stärkung des Landesvorstands, eine bessere Ausstrahlung. Egert weiß das. Er will unter anderem, daß die Partei auch ihre Kampagnefähigkeit beweist und sich der Sozialpolitik, der Mietenpolitik und der Abrüstung energisch zuwendet. Die Stichworte Egerts: Bürgernähe, Gemeinsamkeit, Konzentration, Disziplin, Erfolgskontrolle.

Die nötige Kraft und Einsatzfreude hat Egert gewiß. Aber die Integrationsfigur, die die Partei jetzt braucht, ist er nicht. Sein Vorgänger Peter Ulrich hat die „Pervertierung von Flügeln zu personellen Kungelkreisen, zu Skeletten einer Machtstruktur, die nur noch Funktionen ohne Inhalte hat“, kritisiert. Es hat den Anschein, als falle es der Berliner SPD schwer, diese Mißstände abzustellen. J. N.