Von Herfried Münkler

Fragt man mich nicht, was Zeit ist, dann weiß ich es", heißt es bei Aurelius Augustinus, "aber sobald man mich fragt, weiß ich es nicht." Warum, fragt Norbert Elias, erging es nicht nur dem Kirchenvater Augustinus so, warum stehen wir noch heute vor demselben Dilemma: Wir bewegen uns ganz selbstverständlich in einer Welt, deren Zeitmeßinstrumente bis aufs Äußerste verfeinert sind, in der alle relevanten Ereignisse zeitlich präzise fixiert werden, in der jede nur geringfügige Verspätung eine erhebliche Störung sozialer Abläufe zur Folge hat – aber wenn wir erklären sollen, was Zeit ist, wissen wir keine Antwort, greifen zu Tautologien oder verregnen uns in Zirkelschlüsse.

Wir sind, so lautet Elias’ Bescheid, in die Falle der Sprache gegangen, als wir uns überhaupt auf den Begriff der "Zeit" eingelassen haben. Durch die Substantivierung des Zeitbegriffs nämlich hat uns die Sprache vorgegaukelt, beziehungsweise wir selbst haben es uns im Medium der Sprache vorgegaukelt, Zeit sei eine – unsichtbare – Substanz und darum auch substantiell erklärbar. Tatsächlich aber ist Zeit nichts anderes als eine Synthese menschlicher Tätigkeiten: ein Messen des Abstandes, den zwei Ereignisse zueinander haben. Die Verbalform ist adäquater als das Substantiv: Im strengen Sinne erfahren wir nicht die "Zeit", sondern wir "Zeiten". Was im Deutschen unüblich ist, ist dem Englischen als "timing" durchaus vertraut. Und was die deutsche Sprache selbst nicht vermag, muß ihr als Fremdwort beigegeben werden: "Timing" gehört heute zum Standardvokabular all derer, für die Zeit knapp ist.

Wir sind dem "Fetischcharakter des Zeitbegriffs" zum Opfer gefallen, als wir begannen, der "Zeit" die Eigenschaften eben jener Prozesse zuzuschreiben, deren Wandlungscharakter der Begriff repräsentiert und symbolisiert. Nicht die Zeit ist es, die im einen Fall "nicht vergehen will" und im anderen "wie im Fluge dahineilt", sondern eine bestimmte Abfolge der Ereignisse und unsere spezifische Wahrnehmung dessen, eben "timing".

Damit aber, so könnte eingewandt werden, sei doch nur die je subjektive Wahrnehmung einer objektiven Größe gemeint, denn ob wir einen Zeitabschnitt als kurz oder lang wahrnehmen, habe mit unseren subjektiven Gestimmtheiten zu tun, nicht jedoch mit der objektiven Länge des Abschnitts selbst. Doch gerade die Berechtigung solcher Unterscheidungen zwischen "subjektiver und objektiver", "sozialer und physikalischer" Zeit will Norbert Elias widerlegen. Wird Zeit nicht substantiell, sondern instrumentell, als ein Zeitbestimmen, verstanden, so läßt sich die scharfe begriffliche Trennung zwischen "Natur", "Geschichte" und "Kultur" nicht länger aufrechterhalten: Der epochenspezifische Charakter dieser Trennung wird sichtbar. Die Abzweigung der "physikalischen Zeit" aus der Matrix der "sozialen Zeit" ist ein historischer Vorgang, der etwa in die Zeit Galileis datierbar ist und der von Elias nicht als Durchbruch zur Wahrheit oder Erkenntnis des Wesens der Zeit verstanden wird, sondern als eine Modifikation in der Skalierung der Meßgeräte.

Bis hierher kann sich Elias auf Einsteins Kritik am Newtonschen Weltbild berufen. Aber Elias geht noch einen Schritt weiter: Die entwicklungssoziologische Rekonstruktion menschlicher Zeitmessung, wie er sie vornimmt, wird zur Destruktion aller essentialistischen Zeitbegriffe. Diese sind Fetischisierungen der eigenen Meßinstrumente.

"Besonders in urbanen Gesellschaften", schreibt er, "werden Uhren in einer Weise hergestellt und verwendet, die an die Herstellung und Verwendung von Masken in vielen prä-urbanen Gesellschaften erinnert: Man weiß, daß sie von Menschen gemacht sind, aber sie werden erlebt, als ob sie eine außermenschliche Existenz repräsentierten. Masken erscheinen als Verkörperungen von Geistern. Uhren erscheinen als Verkörperungen der ‚Zeit‘."