Am Dienstag begann Europas bisher anspruchvollster Raumflug: Die Sonde „Giotto“ ist auf ihrer langen Reise zum Kometen Halley, dessen Kopf sie am 14. März 1986 nach Kamikaze-Manier durchfliegen soll

Halleys Komet kommt. Zuletzt konnte der alle 75 Jahre aus den Tiefen des Alls zurückkehrende Schweifstern im Jahre 1910 gesehen werden. Noch durcheilt der kosmische Vagabund den Raum zwischen Jupiter und Mars: am 9. Februar nächsten Jahres wird er seinen sonnennächsten Punkt erreicht haben. In den Wochen davor und danach ist sein Schweif mit bloßem Auge sichtbar.

Die Wiederkehr des attraktivsten Kometen spornte die Astronomen zum bisher wohl größten internationalen Forschungsprogramm ihrer Zunft an. Rund 3000 Sterngucker aus allen Kontinenten haben sich zur „Internationalen Halley-Wacht“ zusammengeschlossen; sie wollen den Kometen von der Erde aus erforschen. Kern der Halley-Kampagne sind jedoch sechs Raumsonden, je zwei aus der Sowjetunion (sie setzten kürzlich beim Vorbeiflug am Planeten Venus erfolgreich Proben ab) und aus Japan, je eine aus den Vereinigten Staaten und Westeuropa.

In diesem Geschwader soll „Giotto“, die Sonde der europäischen Raumfahrtagentur Esa, die bei weitem anspruchvollste Aufgabe vollbringen (der Raumkörper wurde nach dem florentinischen Maler Giotto di Bondone benannt, der den Kometen Halley im Jahr 1310 sah und später malte).

Der rund 200 Millionen Mark teure Späher wurde in nur fünf Jahren mit wesentlicher deutscher Beteiligung konstruiert und gebaut. Mit dem nur wenige Minuten verzögerten Start vom Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana aus gelang eine doppelte Premiere: zum erstenmal trug die Europarakete „Ariane“ einen Raumkörper ins All, der den Anziehungsbereich der Erde verlassen wird.

„Giotto“ wird in den frühen Morgenstunden des 14. März 1986 in den aus Gas und Staub bestehenden Kometen-Kopf (die „Koma“) eintauchen und in womöglich nur 500 Kilometer Entfernung am festen Kern Halleys (Durchmesser etwa sechs Kilometer) vorbeirasen. Beim Anflug soll der Kurs der Sonde mit Hilfe von Daten korrigiert werden, die von den beiden sowjetischen Spähern bei deren (sehr viel weiteren) Vorbeiflug wenige Tage zuvor anfallen.

Mit den zehn Experiment-Anlagen an Bord, davon vier aus der Bundesrepublik, hoffen die Wissenschaftler, erstmals direkte Messungen an einem Kometen machen zu können. Die Schweifsterne gelten als kaum veränderte Überbleibsel aus der Zeit vor 4,6 Milliarden Jahren, als das Sonnensystem entstand. Attraktivstes Instrument ist eine Farbkamera mit Ein-Meter-Teleobjektiv made in Germany. Sie soll bei der größten Annäherung Halley-Porträts zur Erde funken, auf denen noch Details von nur zehn Metern Durchmesser zu sehen sein werden – falls „Giotto“ überhaupt so weit kommt.

Zwar versahen die Esa-Konstrukteure den knapp 600 Kilogramm schweren Raumkörper mit einem raffinierten doppelten Schutzschild gegen Mikrometeoriten. Aber bei einer Geschwindigkeit von 250 000 Kilometer in der Stunde, mit der der Kometenstaub aufprallen wird, durchschlägt noch ein reiskorngroßes Teilchen eine acht Zentimeter dicke Aluminiumplatte. „Es wird nicht erwartet“, heißt es in der Esa-Broschüre über „Giottos“ Kamikaze-Mission, „daß der Raumkörper länger als bis zur nächsten Annäherung an den Kometen überlebt.“ Günter Haaf