Nach seinem Vortrag verbrachten wir noch einige Zeit in den Grünanlagen des Russell Square im Londoner Stadtteil Bloomsbury. Ob es der Stimmung zu verdanken war, die der Vortragende mit seinen Worten über das wegweisende Opernreformwerk Christoph Willibald

Glucks wachgerufen hatte, oder ob sie in der Atmosphäre der schüchtern aufbrechenden Natur an diesem Frühlingstag lag, daß Hans Günther Adler, der am 2. Juli fünfundsiebzig Jahre alt geworden ist, gerade jetzt über seine 1962 verlegte Erzählung „Eine Reise“ zu sprechen begann?

Diese Ballade in Prosa, wie Adler sagt, ist das gewichtigste der veröffentlichten Werke des letzten bedeutenden Repräsentanten der einstigen „Prager Schule“.

Adler lebte nach Studium und Doktorexamen in Philosophie als Sekretär und Lehrer an einer Volkshochschule in Prag. Von 1941 bis 1945 wurde er in verschiedene Konzentrationslager verschleppt (Theresienstadt, Auschwitz). Endlich befreit, kehrte er nach Prag zurück. Seit 1947 lebt er als freier Schriftsteller in London.

Über den jungen H. G. Adler hat gerade Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen „Das Augenspiel“ (ZEIT Nr. 14 vom 29. März) geschrieben: „Ein hochgespannt idealistischer Anspruch zeichnete ihn aus, er, der bald danach so sehr zum Opfer jener fluchwürdigen Zeit werden sollte, wirkte so, als gehöre er gar nicht in die Zeit. Einen Mann, der mehr durch deutsche literarische Tradition bestimmt war, hätte man sich kaum irgendwo in Deutschland vorstellen können. Aber er war hier in Prag, sprach und las mit Leichtigkeit tschechisch, hatte Respekt vor tschechischer Literatur und Musik und erklärte mir alles, was ich nicht verstand, auf eine Weise, die es mir anziehend machte.“

„Eine Reise“ – durch jene „fluchwürdige Zeit“, eine Reise in die psychische und physische Vernichtung, veranstaltet von Machthabern, die es zu einer Enteignung der Sprache brachten, um damit das Menschliche an sich zu entwerten. Das Grauen, in das der betagte Arzt, Dr. Leopold Lustig, mit seiner Familie reisen muß und in dem er zugrunde gehen wird, erfaßt Adlers Leser unmittelbar. Der Erzähler seziert es bis in jede schrecken- und ekelerregende Einzelheit: „Die ehemaligen Menschen waren aus Wachs, aber sie lebten noch.“ War es „In der Strafkolonie“ Franz Kafkas noch des Reisenden schauriges Privileg, einer Exekution beizuwohnen, so erfährt der kranke Reisende Adlers eine Behandlung, an deren Ende der heilende Tod steht. Alle Reisenden haben in Adlers Erzählung Ziele, die sie nicht kennen. Nur die Tötungs-Administration ist sich ihres Zieles sicher.

In Adlers „Reise“ ist das Verb „sterben“ ein Transitivum: „Wir haben ihn (Dr. Lustig) gestorben“; und „Reisen“ gilt als Fluch und Gnade. Aber mit seiner großen Erzählung klagt Adler nicht an; noch weniger richtet er. Aus der griechischen Weisheit: „Alles fließt“ wird ein: „Alles reist“, Schuld und Sühne, die Ebenen fließen. Paul Lustig, der überlebende Sohn, entwirft ständig Reisen, und mit seiner Reise durch die Trümmerlandschaft endet die Erzählung. Auf seine Reise nimmt er die Einsicht: „Man sollte für etwas verzweifeln, nicht an etwas.“