Bizarr: Kein anderes Wort beschreibt derzeit treffender die forschungspolitische Szene in Westeuropa. Zum einen überschlagen sich Politiker fast jeder Couleur, auch in diesem Land, mit Lippenbekenntnissen für die Förderung der "Technologie" ("Technik" ist nicht mehr schick genug): Sie soll – einem Zauberstab gleich – stagnierende Volkswirtschaften in dynamische Konjunkturmaschinen verwandeln. Und da das Glück, wie im Märchen, immer am Ende des Regenbogens wartet, werden mit großem Pomp Zukunftsprojekte wie "Esprit" und "Eureka" aufgelegt, die zwar publizitätswirksam, kaum aber kosteneffizient sein können. Und es werden mehr oder weniger willfährig amerikanische Träume wie das SDI-Forschungsprogramm ("Krieg der Sterne") und die bemannte Raumstation mitgetragen.

Zum anderen mußten und müssen durchaus sinnvolle Projekte sterben, sind gut funktionierende Vorhaben bedroht, weil – warum wohl? – die Forschungsminister nicht genug Geld haben.

Gewiß, nicht jedes eingestellte Projekt wäre es wert, bei besseren finanziellen Umständen fortgeführt zu werden (gegen Vorhaben wie den Schnellen Brutreaktor oder die Windenergieanlage "Growian" gab es allerdings schon vor Baubeginn gute Argumente). Auch erscheint die Entscheidung des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen durchaus vernünftig, eine drei Milliarden Mark teure "Spallations-Neutronenquelle" an der Kernforschungsanlage Jülich "unter den gegenwärtigen Umständen" nicht zu bauen.

Aber die Einstellung des deutschen Infrarot-Astronomieprojektes "Girl" (siehe ZEIT Nr. 11/1985) unddie Mitte Juni ausgesprochene Empfehlung des britischen Rates für Wissenschaft und Technik, das Budget des europäischen Physiklabors CERN bei Genf um ein Viertel zu kürzen, sind Tiefschläge gegen die Wissenschaft. Vordergründig sollen damit Forschungsmillionen eingespart werden. Getroffen wird der Kern der Naturwissenschaften: Neben der Dualität von Experiment und Theorie gehören dazu auch offene internationale Zusammenarbeit und eine verläßliche, langfristige Perspektive.

Die Empfehlung des britischen Forschungsrates kann als Musterbeispiel für die partielle Kurzsichtigkeit der gegenwärtigen Forschungspolitik auf beiden Seiten des Atlantiks gelten. Zwar rühmt der Rat die "Weltklasse" von CERN, gibt aber gleichzeitig dem Drängen der Regierung Thatcher nach und verlangt eine 25prozentige Kürzung des britischen Beitrags bis 1991/92. Da eine Kürzung des CERN-Etats nur von allen 14 Mitgliedsstaaten gemeinsam beschlossen werden kann, könnte es sein, daß die Kontinentaleuropäer lieber auf den britischen Beitrag – und damit Großbritannien – verzichten: Das Königreich trug 1984 nur 16 Prozent des CERN-Etats von 690 Millionen Schweizer Franken. Der Londoner New Scientist nennt den Rat-Schlag einen "weiteren Akt wissenschaftlicher Barbarei gegenüber Europa".

Die Empfehlung der sieben Wissenschaftler des britischen Rates (darunter kein einziger Teilchenphysiker) ist zudem ein weiteres Beispiel für die Unfähigkeit vieler Gelehrter, ihren jeweiligen Fach-Egoismus in Beratungsgremien hintenanzustellen. So wird es Politikern leicht gemacht, jenen "wissenschaftlichen Rat" einzuholen, der am besten zur jeweiligen Politik paßt. Das gravierendste aktuelle Beispiel, wie sehr es auch in den Naturwissenschaften menschelt, illustriert die Titelgeschichte des New Scientist vom 20. Juni: "Der Krieg der Sterne – eine astronomische Bestechung für Naturwissenschaftler." Günter Haaf