Als erstes ließ Sophie sich ihre langen Haare abschneiden, obwohl die Eltern dagegen waren. Das war nach der Jugendweihe. Seitdem ist ihr sanftes Gesicht unter einer wilden Frisur versteckt, durch die eine sogenannte Straße führt, eine fünf Millimeter breite, zehn Zentimeter lange ausrasierte Strecke am Hinterkopf. Die verbliebenen Haare stehen da, als wollten sie um jeden Preis hoch hinaus. Wie mein Rasierpinsel, bemerkte der Vater etwas hilflos, während die Mutter sich entschloß, die Frisur gut zu finden, denn sie will Sophie nicht im Wege sein auf der Suche nach sich selbst, auch wenn die Suche vorwiegend in ihrem, der Mutter Kleiderschrank stattfindet, weil man, wenn man jung ist, zur Zeit alles eine Nummer zu groß trägt.

Sophie ist auf halbem Weg. Zu sich hin, von sich weg, Kind sein, nicht erwachsen, erwachsen sein, nicht Kind.

Als sie mit ihrer kleinen Schwester einkaufen ging, hielt ein einsamer angeheiterter Mann sie für eine alleinstehende Mutter und sagte hoffnungsvoll „ooch alleene?“, worin das Angebot schwang, daß man sich doch zusammentun könne.

Seh ich so alt aus? Gekränkt nahm Sophie am Abend ihre Lieblingspuppe mit ins Bett.

Mit vierzehn war Sophie auf halbem Weg zur Medizin. Sie desinfizierte die Wohnung, ritzte sich dreimal am Tag in den Oberschenkel, um ihr Blut zu untersuchen, und lief in einem Chirurgenkittel herum. Sophie mit fünfzehn will alles andere werden als Arzt. Sie schwärmt jetzt für das Theater, genauer: für ein Theater. Dort spielt ein Schauspieler, gegen den Robert Redford eine Null ist und dem selbst Dustin Hoffman nicht das Wasser reichen könnte, sofern man ihn, Sophies Schwarm, mit Filmen international stärker herausbringen würde, wie sie sagt. Jeden zweiten Abend sitzt Sophie in feuerrotem Sweatshirt auf dem Rang, um den Schauspieler G. zu sehen; weit weg von Logarithmen und Potenzfunktionen, nicht Pflicht, Kür ist schön, nicht Schule, nein, Theater. In etlichen Aufführungen war sie sechsmal. Manchmal geht die Mutter mit, denn man soll sein Kind in seinen Neigungen nicht allein lassen. Wie findest du es, fragt Sophie in der Pause. Gut, sagt die Mutter. Gut, gut, gut, mault Sophie, toll ist das, einfach toll, du bist nicht begeisterungsfähig, die andern Zuschauer auch nicht, die klatschen und gehen nach Hause, anstatt sich gleich um Karten zu kümmern für die nächste Vorstellung mit G., alles Spießer.

Was ist eigentlich spießig, fragt sie am Morgen. darauf ihren Vater. Intoleranz, sagt der, nicht Gartenzwerge und holzgedrechselte Namensschilder: Intoleranz. Also, sagt Sophie, sind Fans Spießer, ja? Ja.

Eigentlich bist du auch spießig. Wieso? fragt der Vater. Na, weil es für dich auch nur die Musik gibt, die du gut findest, und die paar Filme, die dir gefallen. „Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar“ (Oscar Wilde).