Nein, er ist leider kein Meisterwerk geworden, „Tokyo-Ga“, der neue Film von Wim Wenders, an den so hohe Erwartungen geknüpft waren. Was bekommen wir zu sehen? Ein touristisch-oberflächliches Bild Tokios, darin eingestreut zwei längere Interviews mit Ozus langjährigem Kameramann Yahuara Atsuta und einem der wichtigsten Ozu-Darsteller, Chishu Ryu. Wenders Begeisterung für den japanischen Filmklassiker Yasujiro Ozu ist bekannt.

Eingerahmt wird die Ozu-Hommage durch die Anfangs- und Schlußsequenz aus Ozus berühmtem Film „Reise nach Tokio“, auf den der Titel von Wenders Film „Tokyo-Ga“ (auf deutsch „Eine Reise nach Tokio“), Bezug nimmt. Ein aus dem Off gesprochener Kommentar von Wim Wenders, der nicht immer frei von Platitüden ist, hält den Film zusammen.

Bizarrer Tiefpunkt: ein Kurzinterview mit Werner Herzog. Auf dem Fernsehturm Tokios läßt sich Herzog in unfreiwilliger Komik über die Unmöglichkeit aus, in einer solchen Stadt Filme zu drehen. Eine peinliche Selbstentblößung Herzogs, der meint, möglich wären nur noch Filme in 8000 Meter Höhe, mit Reinhold Messner – oder im Krieg, die Stahlgewitter Ernst Jüngers grollen von Ferne.

Wenders spricht zu Beginn des Films vom Heiligtum des Kinos, und meint damit Ozus Fähigkeit, Leben im Film abzubilden. Wenders selbst zeigt dann allerdings einen Aufguß bekannter oder auch exotischer Sehenswürdigkeiten Tokios: japanische Jungs, die auf einem Friedhof Baseball spielen; selbstvergessene Golfspieler, die ihre Bälle in einem riesigen Stadion ins Leere jagen; besessene Pachinko-Spieler; Glücksspiele, die wie eine Mischung aus den amerikanischen One-armed-Bandits und den guten alten Flippern anmuten; Rock ’n’ Roll tanzende Kids auf den Straßen, von der Haartolle bis zu den Petticoatröcken verblüffende Imitationen der 50er Jahre; und einen lang geratenen Besuch in einer Werkstatt, in der aus Wachs gefertigte Speiseattrappen für die Auslagen von Restaurants hergestellt werden. Das alles bleibt oberflächlich. Schöne Schnappschüsse eines Wochenendtouristen, die aber weder den Filmen Ozus gerecht werden, noch die Wirklichkeit des modernen Japans erklären können.

Zwei Erklärungen für das Scheitern des Films wären denkbar. Die eine: Wenders suchte Japan und fand Amerika. Darauf würde die sehr schöne Free-Jazz-Musik Dick Tracys hindeuten, die den nächtlichen Autofahrten unterlegt ist.

Typisch für das, was Wenders in Tokio fand, sind auch die Hinweise auf die allumfassende Bilderwut der Japaner, von den großformatigen Comic-Heften der Jugendlichen in der U-Bahn bis zu dem flimmerden Fernseh-Bildschirm im Taxi. Man könnte dies alles als Chiffren eines Identitätsverlustes interpretieren. Dies würde jedoch im Widerspruch stehen zu Wenders’ Kommentar, der immer wieder betont, daß er, obwohl es ihm nicht leichtgefallen sei, Japan entdeckte. Davon spürt, sieht der Zuschauer allerdings wenig.

Die zweite Erklärung: Wenders’ „Tokyo-Ga“ hat den Untertitel „Ein filmisches Tagebuch“. Der Film hat also gar nicht den Anspruch eines besonderen Kunstwerkes. Dann aber, finde ich, hätte Wenders ehrlich sein sollen, er hätte auf eine anspruchsvolle Kinovorführung, wo man von einem Wim Wenders natürlich einiges erwartet, verzichten sollen; der Film wäre (vielleicht gekürzt) besser als Dokumentarfilm im Fernsehen aufgehoben. Sicher ein unsinniger Vorschlag, denn Wenders möchte ja gerade gegen die Beliebigkeit der Fernsehbilder ankämpfen. In „Tokyo-Ga“ gelingt ihm das nur in einer Szene völlig überzeugend.