Wie werden bundesrepublikanische Autoren Kindern und Jugendlichen in den nächsten Jahren über die Nazi-Diktatur berichten?“ Diese hintergründige Frage stellte Miguel Azaola, spanischer Verleger und IBBY-Präsident, den deutschen Teilnehmern der bilateralen Expertenkonferenz „Kinderbücher zwischen Träumen und Computern“.

Die Konferenz fand anläßlich der Deutschen Buchwoche in Madrid vom 3.-5. 6. 1985 als Veranstaltung der Bibliothekarischen Auslandsstelle der Deutschen Bibliothekskonferenz in den Räumen des Goethe-Instituts statt.

Die Frage signalisiert, was deutsche Kinderbücher für das Spanien nach Franco attraktiv macht. Sie offenbart, was spanische Kinderbuchexperten in Verlagen, Öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen, was Spaniens Kulturpolitiker von uns wissen wollen: Wie bewältigt man in der Kinderliteratur Faschismus?

Spanien produziert heute wesentlich mehr Kinderbücher als die Bundesrepublik, profitiert dabei immer noch von der literarischen Tradition einer ehemaligen Weltmacht und neu erstarkten Weltsprache. Es importiert Kinderbücher vornehmlich aus romanischen Ländern, deren Vorstellungen von Kindheit mit den eigenen konform gehen. Doch die deutsche Kinderliteratur spielt eine besondere Rolle.

Unsere Vergangenheitsbewältigung im Kinderbuch (unzulänglich und spät genug begonnen) hat Vorbildcharakter für ein Land, das sich auch nach Franco noch bis 1979 Zensurmaßnahmen leistete und in dem es nach spanischen Aussagen nicht mehr als vier Jugendbücher über den Bürgerkrieg gibt.

Autoren wie Ursula Wölfel, Peter Härtling, Christine Nöstlinger und Gudrun Pausewang übernahmen in Spanien Pilotfunktion für eine realistische Kinder- und Jugendliteratur, die als Teil eines liberalen Kulturkonzeptes auf soziale Mißstände und auf ein neues Verständnis von Kindheit eingeht.

In der hundert Titel umfassenden Bücherliste zur Friedenserziehung „Libros para La Paz“ des Instituto National del Libro Español sind zehn Übersetzungen deutschsprachiger Kinder- und Jugendbücher enthalten.