Von Dietrich Strothmann

Das Geiseldrama ist glücklich zu Ende, Terror und Bürgerkrieg aber gehen weiter: Anders ist der Nahe Osten, so scheint es, nicht vorstellbar. Denn kaum waren die 39 US-Passagiere der vor drei Wochen durch libanesische Terroristen gekaperten TWA-Boeing in Freiheit, gingen in Rom und Madrid wieder Bomben gegen westliche Fluggesellschaften hoch, belegten Schiiten und Drusen in Beirut einander erneut mit Feuer. Dem Terror, der angeblichen "Waffe der Schwachen", wird durch noch so raffinierte Sicherheitsvorkehrungen und wasserdichte internationale Abkommen nicht völlig beizukommen sein. Und die Brandfackel des Krieges wird auch nicht einfach dadurch ausgetreten, daß der eine Kontrahent – in diesem Fall der Schiitenführer Nabih Bern – als Geiselunterhändler einen vermeintlichen diplomatischen Erfolg verbuchen kann. Das ist die eine Lektion der Beiruter Geiselnahme.

Die andere Lehre ist auf die amerikanische Friedenspolitik im Nahen Osten gemünzt: Es bringt den angestrebten Friedensprozeß nicht weiter, wenn Washington eigensinnig nur auf einen Partner setzt, etwa auf Israel oder den jordanischen König Hussein. Denn ohne die energische Mithilfe des syrischen Präsidenten Assad, dem sich Vermittler Bern wie auch die Entführer-Gruppe aus der radikalen "Gottespartei" zu fügen hatten, wären die Geiseln nicht in Freiheit gesetzt worden. Assad aber galt der Reagan-Regierung als ein rotes Tuch, mehr noch: Die Amerikaner hielten ihn für den Störenfried bei der Suche nach einer Lösung des Nahostkonflikts.

Reagan favorisierte zuletzt die jordanisch-palästinensische Friedensinitiative und meinte, – wie 1983 sein Außenminister George Shultz im Libanon – Syrien draußen vor der Tür stehenlassen zu können. Nun aber hat sich das Damaszener Regime im libanesischen Wirrwarr und auch auf dem nahöstlichen Schachbrett als unübersehbare Ordnungsmacht erwiesen. Weder gibt es in Beirut Stabilität und Sicherheit gegen den Willen Syriens, noch ist eine Gesamtregelung in der israelisch-arabischen Konfrontationsszene ohne syrischen Segen möglich. Ein Separatfrieden nach ägyptischem, demnächst womöglich nach jordanischem Modell löst eben auch nur Separatprobleme. Henry Kissinger hatte schon als amerikanischer Außenminister 1974 erkannt: "Ohne Ägypten kann kein Krieg geführt, ohne Syrien kein Friede geschlossen werden." Dieser Einsicht wird sich nun auch die Reagan-Regierung beugen müssen.

Sie hat dazu den Anfang gemacht. Als keine Drohung half, die Geiseln zu befreien, rief der Präsident kurzerhand Assad an und bat ihn um Unterstützung. Und wer weiß, was dem Syrer dafür im Gegenzug zugesagt wurde – ebenso den Israelis, die dann doch bereit waren, für die Freigabe der entführten Amerikaner die von ihnen nach Israel verschleppten Schiiten aus der Gefangenschaft zu entlassen. Vorher war von solchen Schritten natürlich nie die Rede gewesen: weder von Reagans Kontaktaufnahme direkt mit Assad noch von der Freilassung der schiitischen Häftlinge. Hat also erst ein terroristischer Anschlag die Uneinsichtigen zur Besinnung gebracht? Oder folgten sie nur, da sich Mittel der Gegengewalt als untauglich erwiesen, der Not der Stunde? Zu hoffen wäre, Amerika und Israel hätten endlich eingesehen, welches die wahren Kräfte auf der Gegenseite des Nahost-Kampfplatzes sind.

Dabei ist Hafis el-Assad beileibe kein Friedensengel. In seinem eigenen Land scheut er sich nicht, Gegner brutal zu vernichten. Gegen Israel wie gegen seine Widersacher im Libanon läßt er Terroristen freie Hand. Er ist ein Machtpolitiker, der kein Mittel scheut, seine Macht zu demonstrieren. Dennoch, er hält Grenzen ein, stürzt sich nicht in waghalsige Abenteuer. Jahrelang hielt er im Libanon das ungeschriebene Abkommen mit Jerusalem ein, seine Einflußzone nicht nach Süden auszudehnen; Terroranschläge vom Golan aus gegen Israel unterband er strikt, um nicht Vergeltungsschläge herauszufordern. Nabih Berri half er jetzt gegen dessen extremistische Rivalen im Schiitenlager und den Amerikanern war er zu Diensten, um seinem Widersacher Hussein das Wasser abzugraben. Assad weiß, was ihm nützt: Er will im Libanon seine Ordnung durchsetzen, und er will beim Friedenspoker mit von der Partie sein.

Dies hat Assad den Amerikanern deutlich demonstriert: Ohne mich geht nichts! Das ist sein Triumph der letzten Tage. Washington mag es bitter ankommen, doch muß er künftig wohl respektiert werden. Nach dem Geiseldrama von Beirut jedenfalls steht die amerikanische Nahostdiplomatie vor einer neuen Herausforderung. Assad verlangt seinen Preis. Und es waren Terroristen, die ihm dazu verhalfen. Auch das gehört zur Wirklichkeit im Nahen Osten.

Sadat war stark genug, den Israelis Versöhnung anzubieten. Hussein ist zu schwach, sich mit ihnen zu arrangieren. Arafat zählt nicht mehr. Bleibt Assad. Könnte er das Friedenswerk fortsetzen? Es wäre den Versuch wert, das endlich einmal auszuloten.