Der „Ring des Nibelungen“ auf kalifornisch: Für einen Monat lag Bayreuth an der Pazifikküste

Von Sibylle Zehle

Jedesmal, wenn das Opernpublikum in den Pausen festlich gestimmt ins Foyer drängt, sackt Myfanwy Megann auf den Boden. „Zweieinhalb Stunden stehen ohne Pause“, sagt sie und reibt sich die Füße, „das geht in die Beine, yeah.“ Doch auch im Sitzen ist die Stehplatzinhaberin schwer zu übersehen, gute 120 Kilo wiegt sie sicherlich, und auf dem T-Shirt, das ihren Oberkörper so gewaltig weinrot umrundet, prangt die Aufschrift: I survived the Ring.

Myfanwys Hemd können sich in San Francisco mittlerweile mehr als 10 000 Menschen überziehen. Als am Wochenende der Wagner-Monat mit einem Freiluftkonzert im Fährhafen ausklang, hatten das „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ nicht nur die 9756 Zuschauer des War Memorial Opera House überstanden, es hatten sich weitere 3000 die Tetralogie auch noch als Video-Übertragung zugemutet – live aus dem Opernnaus, auf Riesenleinwand in der Davies Hall.

Wagnermania has gripped many San Franciscans distanzierte sich die New York Times, verfolgte aber penibel den Krankheitsverlauf. Ihr entging nicht einmal, daß in der Stadt des Folk Rock, Hard Rock, Protest Rock, Country Rock, Feminist Rock vier Mitglieder der Gruppe The Grateful Dead ein Konzert in Sacramento abbliesen, weil sie an diesem Abend gerade Karten für die „Götterdämmerung“ hatten.

Denn ausverkauft waren die drei Ring-Zyklen seit November vergangenen Jahres, die billigsten Karten zu zwanzig Dollar (Stehplatz, Oper) oder vierzig Dollar (Sperrsitz, Video), die teuersten für 256 Dollar plus 5000-Dollar-Spende (Oper, Loge). Am allerteuersten aber wurde der „Ring“ für Zuschauer Gordon Getty. Er wird im Programmheft zwar nur als anonymous friend of the opera aufgeführt, hat aber, kein Geheimnis, den Löwenanteil der 4,6 Millionen Dollar Kosten übernommen, die diese „Ring“-Inszenierung verschlungen hat; Getty zahlte und schwieg im Hintergrund. Das wäre ein Mäzen gewesen nach Wagners Geschmack.

Gespart wurde nicht. Bayreuth durfte einen vergleichbaren Aufmarsch von Starsängern schon lange nicht mehr verzeichnen, alle waren da, ganz so, als hätte einer in der Klassikabteilung eines Schallplattenladens ins Schaufenster geguckt und gesagt, die auf den bunten Covern, die will ich alle haben, die Damen Eva Marton, Gwyneth Jones, Hanna Schwarz, Jeannine Altmeyer; die Herren René Kollo, Peter Hofmann (natürlich mit Ehefrau Debbie Sasson), Thomas Stewart, Walter Berry und James Morris – letzterer ein amerikanischer Wotan, für den man gern eine Lanze bricht, Morris magnificent wie The Tribune nach „Rheingold“ ergriffen titelte. Den ganzen Juni lang schlug sich der Opern-Generaldirektor Terence A. McEwen selbst auf die Brust, „diesen Juni lag Bayreuth an der Bai“.