Jim ist homosexuell. Seine Reaktion auf diese Erkenntnis wird geprägt von der gesellschaftlichen Bewertung der Homosexualität in seiner Umgebung: Er ist entsetzt, versteckt seine Neigung, findet mißtrauisch, angeekelt und fasziniert zugleich nur zögernd einen Geliebten und erlebt die Preisgabe seiner Homosexualität als persönlichkeitserschütternden Konflikt mit dem Vater.

Inger Edelfeldt: Jim im Spiegel", aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer; Spectrum Verlag, Stuttgart; 206 S., 15,80 DM.

Die junge schwedische Autorin läßt Jim von seinem Leben erzählen. Der Leser begleitet ihn vom vierten bis zum neunzehnten Lebensjahr. Kommentare der Mutter sind den Kapiteln, den Lebensabschnitten des Jungen vorangestellt. Auf diese Weise entsteht ein lebendiger Entwicklungsroman, keine zähe Fallstudie zur männlichen Homosexualität.

Jims freudlose, bitterböse beschriebene Kindheit und Jugend als Außenseiter, die verzärtelnde, schwache Mutter, der halb gleichgültige, halb autoritäre Vater, die Flucht des Jungen in das angepaßte Verhalten eines Strebers deuten Autorin und Ich-Erzähler nicht als Grund für seine Homosexualität.

Der erste Liebespartner Mats, der mit flotten Sprüchen immer nur dort zur Homosexualität steht, wo es seinen dekorativen Hang zur Unbürgerlichkeit unterstützt, gibt weder dem Helden noch dem Leser Anlaß, homosexuelle Liebe unangemessen zu idealisieren.

Als Jim nach einem Klassentreffen, auf dem er selbstbewußt aufgetreten ist, zu dem Geliebten unter die Decke schlüpft, hört er eine dem Leser als verhaßtes väterliches Lob bekannte Wendung: "Na, bitte ... Ich habe doch immer gewußt, daß du ein tüchtiger Junge bist..." Wie gut, daß die Redaktion der neuen Jugendbuchreihe "Spontan" im Spectrum-Verlag so mutig war, dieses Buch der Fülle unverbindlicher Phantasie-Seligkeit der Jahresproduktion 1985 entgegenzustellen.

Unausgesprochene Homosexualität findet man in der Kinder- und Jugendliteratur gar nicht selten. Aus Furcht, denunziatorisch zu erscheinen, wird darüber strenges Stillschweigen bewahrt. Homosexualität als tragendes Motiv ist selbst im fast völlig enttabuisierten problemorientierten Jugendbuch nur ganz vereinzelt zu finden. Mehr als fünf Titel zu diesem Thema sind in den letzten fünfzehn Jahren in der Bundesrepublik nicht erschienen.