ZEIT: Herr Steinkühler, Herr Stumpfe, der zweite Vorsitzende der größten Einzelgewerkschaft der Welt und der neue Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes der Metallindustrie sitzen heute zum erstenmal an einem Tisch. Sie sind Vertreter zweier Verbände, die in der Vergangenheit nur schwer miteinander ins Gespräch kamen – mit dem Ergebnis, daß es in keinem anderen Bereich der deutschen Wirtschaft so viele und so erbitterte Tarifkonflikte gegeben hat. Nun jährt sich in diesen Tagen das Ende des schweren Streiks in der Metallindustrie um den Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Hat der Arbeitskampf des Jahres 1984 vor allem soziale und ökonomische Schäden mit sich gebracht, unter denen die Wirtschaft noch lange leiden wird? Oder hat er vielleicht die Tür zu einer Entwicklung aufgestoßen, über die wir in einigen Jahren vielleicht alle ganz froh sein werden – nämlich zu einer flexibleren Gestaltung der Arbeitszeit, zu einer Trennung von Betriebs- und persönlicher Arbeitszeit, die viele neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet? Wäre es denkbar, daß die beiden Kontrahenten dabei besser kooperieren als bisher – immer mit Blick auf das größte soziale und innenpolitische Problem, das wir im Augenblick, haben: die Arbeitslosigkeit?

Franz Steinkühler: Darauf kann es keine objektiven, sondern nur subjektive Antworten geben. Ich bin erstens der Auffassung, daß der Streik vorläufiger Endpunkt einer Entwicklung war, daß er voraussehbar war, daß er auch vorausgesehen und von den Arbeitgebern gewollt wurde. Zweitens hoffe ich, daß inzwischen bei den Arbeitgebern diejenigen Kräfte die Oberhand gewonnen haben, die der Meinung sind, es sei manchmal vernünftiger zu reden – und zwar rechtzeitig. Und drittens hat der Streik, was seine Ergebnisse betrifft, unsere Erwartungen bestätigt.

An den objektiven Kriterien hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht viel verändert: Sie sind nach wie vor schlecht, was Arbeitsmarktentwicklung, Wachstums- und Produktivitätsentwicklung sowie die demographische Entwicklung anbetrifft. Will man das treiben lassen? Oder was kann man tun, gemeinsam tun? Gibt es Interessen, die wir vielleicht gemeinsam haben und die man einbringen könnte? Ich denke also, es gibt eine ganze Menge zu bereden. Aber wir können auch nicht – bloß weil bei den Arbeitgebern ein neuer Vorsitzender gewählt worden ist – plötzlich so tun, als ob eine „Stunde Null“ angefangen hätte. Personen spielen eine große Rolle. Eine noch größere Rolle spielen aber die Kräfte, die hinter den Personen stehen.

Werner Stumpfe: Ich teile Ihre Meinung, daß man das Tarifgeschäft nicht zu stark personalisieren sollte. Das Ergebnis einer Politik hängt von Sachzwängen und anderen Entwicklungen ab, die die Meinungsbildung beeinflussen. Natürlich macht jeder Verband – Ihre Organisation wie meine – die Tarifpolitik, die in den jeweils zuständigen Gremien beschlossen wird. Insofern sollte man an den Wechsel einer Person keine übertriebenen Erwartungen knüpfen. Aber vielleicht kann ein solcher Wechsel ein Anlaß sein, darüber nachzudenken, ob man nicht versuchen sollte, in ein sachliches Gesprächsklima zu kommen.

Auch nach meiner Meinung war der Streik voraussehbar. Allerdings glaube ich, daß beide Tarifvertragsparteien ihr gerüttelt Maß dazu beigetragen haben, daß der Arbeitskampf nicht zu umgehen war. Die IG Metall handelte in diesem Arbeitskampf wohl auch aus innerorganisatorischen Gründen ...

Steinkühler: ... wer so etwas behauptet, hat keine Ahnung, welche Opfer ein Streik für die Arbeitnehmer bedeutet.

Stumpfe: ... und die Frage, ob sich ein Arbeitskampf lohnt, muß in der Praxis nicht hinterher, sondern vorher beantwortet werden. Wenn ich trotzdem nachträglich eine Antwort versuche, dann stelle ich fest, daß wir uns bemüht haben, die 40-Stunden-Woche zu erhalten und daß die IG Metall die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich durchsetzen wollte. Gelandet sind wir bei der 38,5-Durchschnitts-Stunden-Woche mit Flexibilisierung. Insofern würde ich aus Arbeitgebersicht sagen: Das Ergebnis des Arbeitskampfes ist sehr weit entfernt von unseren Vorstellungen, aber noch weiter entfernt von dem, was gefordert war. Aber man sieht die Wirkungen eines Arbeitskampfes meiner Meinung nach nicht richtig, wenn man nur das Ergebnis der Dauer des Arbeitskampfes gegenüberstellt. Bei einem Arbeitskampf geht sehr viel mehr verloren als nur sieben Wochen Produktion; ein Arbeitskampf hat nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern hinterläßt auch Schleifspuren im psychologisch-menschlichen Bereich.