Von Werner Weidenfeld

Seit Jahrzehnten begleitet er die zweite Republik der Deutschen mit seiner wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit. Die Wahl seiner Themen und Stoffe hat seismographischen Charakter. Deutsche Selbstzweifel, deutsche Verirrungen, deutsche Gedankenlosigkeiten bringt er regelmäßig prägnant auf den Begriff. Seine Bücher werden zu kritischen Widerspiegelungen all jener Versuche zur deutschen Selbstergründung nach der Katastrophe: Alfred Grosser, 1925 in Frankfurt geboren, heute Forschungsdirektor an der Fondation Nationale des Sciences Politiques in Paris, 1975 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Grossers Bücher und Aufsätze sind eigentlich allesamt Provokationen zur Nachdenklichkeit, historische Bedingtheiten aufzeigend, manchmal von schmerzlicher Schärfe, immer aber von aufklärerischem Ethos getrieben. Dies alles läßt sich im Brennpunkt seines Tuns bündeln: Sein eigentliches Metier ist die historische Bilanz. Aus historischen Kontinuitäten dann die Brücke und Widersprüche zu markieren, aus denen die politischen Gefahren und Chancen begreifbar werden – dieser Hintergrund gibt seinen Bilanzierungen der deutschen Entwicklungen den politischen Sinn.

Ein solcher Autor mit Sensibilität für politische Klimaschwankungen begreift es wohl als geradezu selbstverständliche Pflicht, nun – 40 Jahre danach – erneut Bilanz zu ziehen. Allzu offenkundig erscheinen die Schwierigkeiten der Deutschen mit sich selbst; die Frage nach der Identität der Deutschen gerät bereits zum Modethema; politische Kultur und internationale Standortbestimmungen werden in ihren Verwebungen wieder problematisiert; die politischen Fundamente werden neu geprüft. Gleichsam wie in einem Brennglas liefen diese Linien zusammen in den Orientierungsschwierigkeiten, die sich am 8. Mai zeigten, unter der Frage: Wie können die Deutschen das Gedenken des Kriegsendes angemessen begehen? Am 12. September 1949, am Tage seiner Wahl zum Bundespräsidenten, hatte Theodor Heuss die Deutschen davor gewarnt, mit der Gnade des Vergessens Mißbrauch zu treiben: „Wir müssen das im Spürgefühl behalten, was uns dorthin geführt hat, wo wir heute sind.“ Es gibt wohl kaum ein treffenderes Wort für das, was von uns heute gefordert wird: Spürgefühl behalten. Grossers Buch ist dieser Aufgabe gewidmet. Es gilt Spürgefühl zu behalten – oder zu entwickeln für komplizierte historische Lagen und komplizierte historische Ereignisse. Auch der 8. Mai 1945 war ja nicht einfach eine „Stunde Null“, auch nicht nur Niederlage, auch nicht nur Befreiung. Wir Deutsche tun uns schwer mit solchen komplizierten Situationen. Wir verdrängen, verkürzen, verträumen. Wann haben wir jemals angemessen auf existentielle Herausforderungen reagiert? Politische Romantik, Sackgassen und Katastrophen, Schleichwege zum Chaos drängen sich ins Bild.

Da war zunächst das Ende eines mörderischen Krieges, dessen Leiden alles bis dahin Gedachte übertroffen haben. Da war Trauer um die Toten, aber auch Trauer um zerstörte Lebenschancen. Und da war zugleich das Ende einer mörderischen Diktatur: Befreiung, Aufatmen, Hoffnung. Ein Regime, das die Perversion menschlichen Denkens und Handelns zum eigenen Konstruktionsprinzip gemacht hat, verschwand. Aber in einem Teil Europas und in einem Teil Deutschlands blieb es beim ersten Aufatmen; die Hoffnung auf neue Freiheit erfüllte sich nicht. Viele haben sich nicht damit abgefunden; sie haben immer wieder nach der Erfüllung ihres Traumes von der Freiheit Ausschau gehalten und zugleich neue Daten eines tragischen Scheiterns gesetzt: Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953, Ungarn-Aufstand 1956, Prager Frühling 1968 und dann immer wieder Polen. Hätte das alles unter dem Zeichen der „Befreiung“ gefeiert werden können?

Es war Heuss, der davon sprach, der 8. Mai sei ein Tag tiefer Paradoxie, „weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind“. Die Katastrophe war nicht das letzte Wort. Danach wurde das Tor weit aufgestoßen, in die Freiheit, nach Europa. Wir haben über den Trümmerfeldern eine politische Kultur geschaffen, die Verständigung will – nicht Feindschaft, die Grenzen überwinden will – nicht Grenzen zu verschieben sucht. Jede freiheitliche Ordnung ist anfechtbar. Sie muß mit Unvollkommenheiten, Unsicherheiten, Risiken leben. Gerade das macht sie so verteidigenswert.

Grosser verweist auf einen oft verdrängten Sachverhalt: „Der Begriff der Vergangenheitsbewältigung behält in der Bundesrepublik seine Geltung, während die Vergangenheit woanders mühelos überwunden wurde, weil sie nicht aufgearbeitet worden ist.“ In der Tat kann es nicht selbstverständlich sein, daß die düsteren Jahre deutscher Geschichte gegenwärtig bleiben: Mehr als die Hälfte der heutigen Deutschen wurde nach Kriegsende geboren. Dennoch stellen sich für die Deutschen bohrende Fragen: „Wie war es möglich?“ „Wie läßt sich mit einer solchen Hypothek eine humane Zukunft aufbauen?“ Solche Fragen werden wohl auf absehbare Zeit bleiben.