Alfred Grosser will simple Antworten vermeiden helfen, will Zusammenhänge zeigen, Querverbindungen herstellen. Dazu hat er das Buch entsprechend vielschichtig angelegt: Er zeigt zunächst den Übergang vom Kriegsgeschehen, zur Nachkriegsordnung – für die Deutschen zwischen 1945 und 1949 ein Neubeginn unter Aufsicht. In kurzen Geschichten skizziert er dann die Grundlinien der Nachkriegsentwicklung: als Geschichte einer unvollständigen Souveränität, als Geschichte der Protestbewegungen, als Geschichte einer Wirtschaftsmacht in Krisenzeiten. Das Hauptinteresse gilt dann den institutionellen Rahmenbedingungen – Kanzlerdemokratie? Parteienstaat? – sowie den Grundlagen der politischen Kultur – eine deutsche Industriegesellschaft und ihre Widersacher. Schließlich mündet das Buch in die Frage nach der Identität: die Bundesrepublik Deutschland – ein Staat unter den anderen, der aber wie kein anderer nach sich selbst fragt.

Das in Frankreich geschriebene Buch erscheint zugleich in französischer und deutscher Sprache. Dies erklärt manche Schwäche: Nicht wenige Passagen geraten zur einfachen Vermittlung von Grundkenntnissen, die in Frankreich durchaus auf Interesse stoßen mögen. Andere Passagen geraten zum Parforceritt durch das Dickicht der Daten und Probleme – von den Gastarbeitern über die Ostverträge, den Dollarkurs bis hin zum Problem von Fernsehsatelliten. Die weitläufigen Spekulationen Grossers über die innerparteilichen Kraftverhältnisse und das Machtspiel in den Parteien erscheinen nicht immer als sonderlich realitätsnahe Beschreibungen.

Der Grundgedanke des Buches, den Grosser entfaltet, läßt die geistig-politische Kultur des heutigen "Deutschland im Westen" plastisch begreifen: Da ist zunächst die Politik der Vertagung, die die Alliierten bei Kriegsende betreiben. Sie spüren, daß ihnen die Kraft zur einvernehmlichen Gestaltung der Nachkriegsordnung fehlt. Sie fällen zunächst nur vorläufig, besatzungsorganisatorische Entscheidungen. Die Paradoxie der Nachkriegsentwicklung nimmt ihren Lauf: In dem Moment, in dem die Siegermächte von ihren Teilungsplänen bezüglich des besiegten Deutschland Abstand nehmen, beginnt der Prozeß der Spaltung. Die Besatzungszonen in Ost und West entwickeln sich zu zwei Staaten. Die Alliierten übernehmen die Souveränität Deutschlands nach innen und nach außen. Noch vierzig Jahre später spielt die Verantwortung der Siegermächte für Deutschland wichtige Rolle in der Deutschen Frage.

Grosser skizziert dann die Erfolgsgeschichte des "Deutschland im Westen": Grundgesetz, Westintegration, neuer Vertrauensgewinn, Wohlstand und soziale Sicherheit, Wiedererlangung der Souveränität, internationale Gleichberechtigung und internationaler Einfluß, Verständigung mit dem Osten. Der Blick bleibt nicht an der Oberfläche des politischen Systems hängen. Die Tiefendimensionen der westdeutschen Gesellschaft werden ins Blickfeld gerückt: die subjektiven Dispositionen, die Ängste und Hoffnungen, die Protestbewegungen. Breiten Raum nehmen die gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen ein: Gewerkschaften, Kirchen, Massenmedien. Erneut wird die lange Geschichte der Affären und Skandale aufgerufen: von der Spiegel- Affäre bis zum Flick-Skandal.

Zweifellos: Von vielen anderen Publikationen über Deutschland aus französischer Feder unterscheidet sich Grossers Buch in Tonlage und besonnenem Urteil. Er wittert nicht hinter jeder Straßenecke den Untergang der Demokratie oder die Selbstaufgabe der Deutschen: "In Wirklichkeit hat für die Bundesrepublik nie ein echtes Risiko bestanden, von der freiheitlichen demokratischen Grundordnung feindlich gesonnenen Kräften überschwemmt zu werden."

Dann schließlich, in seinem Schlußwort, artikuliert Grosser seine aktuellen Irritationen: Die Deutschen stellen die Frage nach ihrer Identität. Grosser ist unsicher, welche Phänomene dabei nur als vorübergehende Mode zu betrachten sind und was als Angelpunkt tiefgreifender Wandlungen gelten kann. "Läßt jetzt, Mitte der achtziger Jahre, eine neue Linie erkennen, daß die Bundesrepublik doch nicht voll und ganz zum Westen gehört, doch nicht fest an den Westen gebunden ist, daß sie aber weniger gen Osten als vielmehr einem Meer von Ungewißheiten entgegentreibt?" Zweifel und Skepsis, Unbehaglichkeit und Mißtrauen lugen zwischen den Zeilen hervor. Im Schlußkapitel seines Buches wird der Autor so vom westeuropäischen Zeitgeist eingeholt. Der unkonventionelle Kritiker und sensible Analytiker eilt hinter die Fassade gängiger Vorurteile. Der Zweifel an der Zuverlässigkeit der Deutschen nagt weiter. Die Bündnistreue der Deutschen wird ins Zwielicht gezogen, ausgerechnet von den Nachbarn, die Knall auf Fall die militärische Organisation der Atlantischen Allianz verlassen haben.

Das Vorurteil von der Doppelgesichtigkeit der Deutschen und der Doppeldeutigkeit ihrer Standortbestimmung scheint über Generationen Bestand zu haben. Alfred Grosser führt spekulative Szenerien als Zielpunkte deutscher Verlockungen zu neuen Sonderwegen an: eine Berlin-Krise, ein neuer nationaler Vorstoß der UdSSR, Veränderungen innerhalb der DDR. Und dann tauchen bei ihm Fragezeichen über Fragezeichen im Blick auf die deutschen Nachbarn auf: Ein mit kritischer Sympathie begleiteter Nachbar driftet ins "Meer der Ungewißheiten". Alles das sind zwar nur intellektuelle Glasperlenspiele – aber Glasperlenspiele, die auf Dauer ihre politische Wirkung entfalten können. Welche Nation kann schon unter dem permanenten Vorbehalt des Mißtrauens ihrer Nachbarn existieren? Daran sollten auch Bestseller-Autoren denken.