Seit Monaten beschäftigt die französische Öffentlichkeit ein heftiger Streit um die zukünftige Gestaltung des Louvres. Presse, Rundfunk und Fernsehen überbieten einander in breiter Berichterstattung und polemischen Glossen. Zwar ist der Disput noch nicht beendet, aber es sieht inzwischen so aus, als habe die Opposition ihr Pulver verschossen, während die Befürworter des zur Diskussion stehenden Modernisierungskonzeptes, die Macht der Exekutive nutzend, schnellstens ein fait accompli schaffen wollen.

Worum geht es?

Daß eines der größten, wenn nicht gar das größte Museum der Welt – die stete Betonung dieses Umstandes ist den Kontrahenten gemeinsam – seit Jahrzehnten seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist, war bekannt. Weder konnten die sich stets erweiternden Sammlungen auf konservatorisch vertretbare Weise untergebracht und präsentiert werden, noch war das Museum in der Lage, den endlosen Touristenstrom (2,7 Millionen Besucher jährlich) mit einer sinnvollen inneren Struktur aufzufangen und zu kanalisieren. Endlose Warteschlangen, tropische Temperaturen, verstaubte Gemälde und Skulpturen, fehlende Restaurants, zu wenige oder nicht funktionierende Aufzüge, unbenutzbare Toiletten machen den Besuch des Museums zu einer Enttäuschung und Strapaze. Der Lärm und das Geschiebe, vor allem vor den Gemälden, stehen jeder intensiven, nachdenklichen Betrachtung entgegen. Längst vermeiden die Kenner die Besichtigung der Meisterwerke und besuchen die kleinen Kabinette, finden diese aber wegen fehlenden Personals oft verschlossen.

Dies soll nun alles anders werden – wobei man jedoch leider nicht den Eindruck gewinnt, als sei die plötzliche Aktivität des Resultat langer Überlegung und ausgewogener Planung. Was präsentiert wurde, ist vielmehr der mehr spektakuläre als substantielle Einfall eines international angesehenen Architekten, Ieoh Ming Pei (der den als Bauwerk allgemein bewunderten, aber als Museum umstrittenen Ostflügel der National Gallery in Washington schuf). Er hat die erbitterte Kontroverse ausgelöst. Für die Befürworter scheint Peis Projekt plötzlich die vom Himmel gefallene Wunderlösung, das Ende der großen Schwierigkeiten zu sein. Dabei war es weniger die schon früher gehegte Absicht, den Innenhof, die Cour Napoleon für Parkplätze und vielfältige Nutzräume zu unterkellern, die den Streit entfachte, als vielmehr die 22 Meter hohe gläserne Pyramide, die im Zentrum des Geländes aufgerichtet werden soll.

Pei und seine Bewunderer sehen in diesem hochaufragenden Bauwerk die Verwirklichung einer "architektonischen Geste", die sich in das urbanistische Ensemble vom Arc de Triomphe über die Place de la Concorde zu Arc du Carroussel und Schloß einfügt. Seine Gegner sagen, nicht ohne Grund, ein modisches Machwerk voraus, welches das ehemalige Königsschloß verdeckt und nicht einmal als Denkmal irgendeine Bedeutung für sich in Anspruch nehmen kann, es sei denn die der Prätention. Für das Ausmaß der notwendigen Arbeiten und den bisher nur ungenau kalkulierten, in jedem Fall riesigen Kostenaufwand war die Entscheidung für diesen Architekten in der Tat ungewöhnlich. Auf einen in einem solchen Fall sonst üblichen Wettbewerb wurde verzichtet. Entsprechend burleske Begleitumstände kennzeichneten die Planung, die dosierte Unterrichtung der Öffentlichkeit, die Überrumpelung der Kommissionen. Hier wurde mit herrscherlicher Attitüde und dem persönlichen Segen von Staatspräsident Mitterrand entschieden. Dennoch formierte sich die Opposition gegen die Pyramide und hofft auf die politische Wende im nächsten Frühjahr.

Der sogenannte "Grand Louvre" wird, nach Auszug des Finanzministeriums, auch den Nordflügel des Schlosses umfassen. Eine räumliche Ausdehnung der Sammlungen und ihre Neuordnung ist auf diese Weise möglich, wenn auch durch den Zuwachs keineswegs alle Raumprobleme gelöst werden können. Das Projekt von Pei sieht die vollständige Unterkellerung der Cour d’Honneur vor. Unter der Place du Carroussel werden weitläufige Parkplätze geschaffen, von denen aus der Besucher in die ebenfalls unterirdische Empfangshalle gelangen kann. Die Pyramide soll von weitem sichtbar den Ort des zentralen Eingangs markieren. Über eine große Treppenanlage vor dem gläsernen Bauwerk muß der Fußgänger zunächst in die Tiefe steigen, um dann unter der Erde in einem radialen Gangsystem in die einzelnen Abteilungen des Museums dirigiert zu werden. Daß dieses Konzept Widerspruch hervorrief, ist nicht erstaunlich. Das Schloß vom Keller aus zu betreten, erscheint den geschichts- und denkmalbewußten Kritikern als Widerspruch. Statt den Touristenstrom von vornherein soweit wie möglich zu teilen (wozu sich die Nutzung der verschiedenen Eingänge des Schlosses angeboten hätte), schafft man durch die unterirdische Haupteingangshalle einen zentralen Rummelplatz, von den Metrobahnhöfen kaum zu unterscheiden. Viele befürchten einen Schilderwald in allen Sprachen, ein unendliches Geschiebe der aus den Bussen quellenden Gruppen, ein lärmendes Durcheinander, das nicht geeignet ist, den Museumsbesucher auf ein ästhetisches Erlebnis vorzubereiten. Durch dieses Nadelöhr müssen auch diejenigen hindurch, die häufiger den Louvre betreten und mit der Topographie vertraut sind. Statt die langen Wege zu verkürzen, werden die Strecken verlängert.

Über die Kosten des ganzen Unternehmens ist nur schwer Klarheit zu gewinnen. Nur so viel steht fest, daß man bei nationalen Prestigeobjekten vor keiner astronomischen Zahl zurückzuschrecken scheint. Die bisherigen Planungskosten haben bereits rund 100 Millionen Mark verschlungen, das Doppelte der Gesamtkosten von Plan und Bau des neuen Frankfurter Kunstgewerbemuseums. Zur Zeit wird für die Vollendung des "Grand Louvres" die astronomische Summe von 2,5 Milliarden Francs veranschlagt.