Zur Marguerite-Duras-Retrospektive in München

Ein Schrei. Leute laufen zusammen, im Café de la Gironde beugt sich der Mörder über eine tote Frau. „Verzeih“, sagt er, „ich habe dich zu sehr geliebt.“ Anne, die Frau eines Induseriellen, schaut zu. Die Hintergründe beginnen sie zu beschäftigen. Später kommt sie in das Café zurück, um mehr zu erfahren. Sie trifft einen Mann, die beiden erörtern den Mord, mutmaßen über die Motive. Sie entwickeln zueinander ein verbotenes Verlangen, der Mann muß die Kleinstadt verlassen. Nun haben sie den Sinn des Mordes verstanden. „Ich wollte, du wärest tot“, sagt Chauvin zu Anne. „Das ist schon geschehen“, antwortet sie.

Dieser Film ist von Peter Brook. Er verfolgt die Personen auf ihren verschiedenen Schauplätzen, auf Spaziergängen, beim Essen, in die Schlafzimmer. Brook zeigt ihre Freude, ihre Verzweiflung, läßt sie durch Gesten sprechen, entfaltet die Geschichte, baut Spannungen auf und löst sie, kurz: er inszeniert, und dadurch unterscheidet er sich von Marguerite Duras. Doch hat er ihren Roman verfilmt, und sie hat am Drehbuch mitgeschrieben. Es war ein Glücksfall, daß sein Film (ersatzweise und somit zufällig) in der Duras-Retrospektive auf dem Münchener Filmfest zu sehen war. Nicht nur, weil er die Besucher der Reihe befreit aufatmen ließ, sondern weil er den Vergleich zu Marguerite Duras’ eigenen Filmen ermöglichte.

Als sie dann selbst Regie führte, hat sie am Thema des Films festgehalten. Denn immer wollen bei ihr Personen zusammenfinden, und immer hindert sie etwas: Ein vormals gefaßter Entschluß zur Treue („Detruire dit-elle“), Krankheit und Herkunft („Le navire night“) oder die Greuel der Konzentrationslager („Aurelia Steiner“).

Wie in griechischen Tragödien führen nicht die kleinen Übel des Alltags, ein dummer Zufall, Eifersucht oder Neid das Scheitern herbei. In „Detruire dit-elle“ („Zerstören, sagt sie“) verliebt sich Max, der Ehemann von Alissa in Elisabeth. Die Betroffenen schämen sich nicht, sind nicht verletzt. Alissa hilft Elisabeth sogar, sich einzugestehen, daß sie Max’ Liebe erwidert. Doch ein verschüttetes Ereignis aus der Vergangenheit, die Liebe zu einem Arzt, steht dem Gelingen im Weg.

Sie könne ihre literarischen Stoffe genausogut verfilmen wie andere, hat die Duras einmal flapsig hingeworfen. Das ist fraglich. Sicher ist dagegen, daß sie einen anderen Film wollte. Denn sie interessierte sich nicht für die Geschichten des Scheiterns, sondern für seine Logik. In „Detruire dit-elle“ (1969) ist die Ausstattung karg wie Requisiten im Theater: die einfache Fassade eines Landhauses, ein paar eiserne Gartenstühle und -tisehe, eine Wiese, die zum Waldrand führt. Nichts bewegt sich, die Gesten sind sparsam, die Personen reden miteinander, emotionslos und in Andeutungen. Sie habe „das beherrschte Schöpferische der Textvernichtung zu erreichen“ versucht, sagt Marguerite Duras: wie in der Literatur den Text, so möchte sie hier das Bild auf sein Minimum, auf eine Skizze verknappen, die Handlung auf ihre tragende Struktur reduzieren.

Dämmernde Landschaften