Theo Waigel: Speerspitze und Moderator der CSU in der Bonner Koalition

Von Carl-Christian Kaiser

Auch nach dem dreiwöchigen Parlamentsmarathon vor der Sommerpause und den ganz besonders strapaziösen allerletzten Tagen wirkt er so, als sei das alles nichts. Sein Zimmer im Bundeshaus ist so aufgeräumt, als wären die Ferien schon ausgebrochen. Nur die von seinem Vorvorgänger Richard Stücklen hinterlassene niederrheinische Holzmadonna in der Schrankwand setzt noch einen persönlichen Akzent. Theo Waigel, der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, macht den Eindruck, als sitze er bereits auf den Urlaubskoffern und als könne ihn nichts mehr anfechten. Er ist ganz bei sich selber und bei seinem Besucher.

Aber so ist das wohl immer, jedenfalls meistens. Theo Waigel ist in Bonn ein exemplarischer Ausnahmefall. Obwohl auf einem der schwierigsten Posten und gewiß mit allen Wassern gewaschen, erscheint er dennoch nicht wie einer jener vielen Politiker, die zum Opfer ihres Metiers geworden sind und nach dem Schnittmuster taktischer Rücksichten handeln. Das hat viel mit seiner Herkunft und Vita zu tun. Zwar ist der Sechsundvierzigjährige, Sohn eines Maurerpoliers und Kleinbauern, promovierter Jurist. Doch im Grunde ist er Autodidakt; weiland riet noch der Pfarrer dem Vater ab, den Buben aufs Gymnasium zu schicken, weil das dem sittlichen Wohl nicht gut tun würde. Was Waigel ist, das ist er zuerst aus Eigenem.

Dazu gehört, daß das Dörfchen Oberrohr in der sanften Buckellandschaft des bayerischen Schwaben Waigels Heimat und Lebensmittelpunkt geblieben ist. Man glaubt ihm aufs Wort, wenn er sagt, daß er in dem Haus, in dem er geboren sei und noch heute lebt, auch sterben wolle. Das alles schützt und macht ihn sicher. „Eine Festung von einem Mann“, notierte Sibylle Krause-Burger in ihrem Buch über das Bonner Regierungspersonal nach der Wende.

Zu Theo Waigels aufgeräumter Ruhe an der Schwelle zur Sommerpause trägt auch bei, daß sich die Unionsfraktion in ihrer Schlußsitzung trotz einiger umstrittener Einzelheiten gerade über den geplanten Erziehungsurlaub für Mütter oder Väter samt Beschäftigungsgarantie und Erziehungsgeld geeinigt hat. Da weiß er noch nicht, daß sich die FDP-Fraktion wenig später in wesentlichen Punkten erst einmal querlegen, daß deshalb ein neuer Koalitionsstreit ausbrechen und zum Beispiel Kanzleramtsminister Schäuble von substantiellen familienpolitischen Unterschieden zwischen CDU/CSU und Liberalen sprechen wird.

Das illustriert gleich eine der Schwierigkeiten Waigels und des Dreierbündnisses aus CDU, CSU und FDP überhaupt. Wenn er sich mit seinen Münchnern besprochen und abgestimmt habe, sagt Waigel, müsse er nicht selten noch die große Schwesterpartei überzeugen, und dann kämen noch die Freidemokraten. Der Dreisprung glückt nicht immer, und dann fällt es wiederum nicht leicht, der koalitionsungewohnten, weil allein regierenden CSU in München klarzumachen, wie kompliziert die Bonner Verhältnisse im Einzelfall sind.