Alles ist „hygge“ in Ålborg, droben an der schmälsten Stelle des dänischen Limfjords. Hygge sind die Häuser, die Cafés, die Kneipen, die Menschen. Die viertgrößte Stadt Dänemarks, die gar nicht daran denkt, sich mit „swinging“ oder „wonderful“ Kopenhagen zu vergleichen oder vergleichen zu lassen, beansprucht für sich, vertraut, gemütlich zu sein – „hygge“ eben.

Ålborg, das sich länger als jede andere dänische Stadt dagegen wehrte, sich statt mit den traditionellen zwei „a“ neudänisch mit dem „Bällchen“-A schreiben zu lassen, wurde geraume Zeit vor Kopenhagen – um das Jahr 1000 – gegründet und hatte schon 1342 das Stadtrecht erhalten. Am Ende einer alten Heerstraße gelegen, dem „Oksevei“ (Ochsenweg), auf dem das Vieh (bis zu den Märkten von Altona und Hamburg) getrieben wurde und Scharen nach Schweden und Norwegen zogen, galt Ålborg seit jeher als Bollwerk. Es war Alborg, das sich – um seinen Marktwert zu behaupten – im 17. Jahrhundert das einzige Stapelrecht in der Limfjord-Region gesichert und das sich – noch zur Hansezeit – seinen Limfjord-Hering als gleichrangig mit dem bis dahin konkurrenzlosen Skåne-Hering durchgesetzt hatte. Das bescherte Wohlstand und Selbstvertrauen.

Heute ist die 160 000-Einwohner-Stadt eine kleine prosperierende Metropole: Metallverarbeitung, Tabak (Zigarren), Zement, eine Werft und der Tourismus bringen Geld. Trotz der Brücke über den Limfjord und des Straßentunnels fahren die Urlauber nicht durch, sondern machen hier gern und ergiebig Station. Die alte „hygge“ Bausubstanz wurde weitgehend erhalten, besonders im angestammten Altstadtviertel, begrenzt vom Hafen, der Vesterbro, der Kjellerupsgade im Westen und Osten sowie der Fyensgade im Süden. 250 Lokale, Kneipen, Bars, Restaurants haben bis zum frühen Morgen geöffnet, 19 Kirchen warten auf Besucher, die Vor-Frue-Kirche, der prächtige Dom, die Budolfi-Kirche, die St.-Markus-Kirche oder das umgebaute Helligändskloster aus dem Jahr 1431, das Dänemarks älteste Sozialeinrichtung, ein Pflegeheim, ist. Schön und erhaben stehen sie unter dem blauen Himmel Nordjütlands. Gelb und weiß ist das Rathaus, dem noch immer jener – jetzt steinerne – Jens Bangs vom Giebel seines fünfstöckigen Renaissance-Prachtbaus die Zunge herausstreckt. Ihm, dem Neureichen, dem Mächtigen, traute man trotz seiner Kasse nicht die Klasse eines Ratsmitglieds zu und verschmähte ihn lebenslang, damals, im 17. Jahrhundert, als derlei ebenso wichtig war wie heute.

Klamauk, den gibt’s im Tivoli Karolinelund, bei Bier und Kümmel, dem nationalen Lebensgeist Aquavit, den – undänisch – erst ein Westpreuße fuselfrei gegenüber einer Hundertschaft von Konkurrenten marktbeherrschend unters Volk brachte. Jener Kümmel des Isidor Henius aus Thorn rinnt noch immer die Kehlen herab, besonders in der legendären Jomfru Ane Gade, einem Fußgängerparadies zwischen Ved Stranden und Bispensgade: alte Fassaden mit Fachwerk, Glockenspiel und Laternen. Und was sich alles hier tut: rein ins „Jazzhus Louis“, in den Western-Saloon „John Wayne“, in die Nacht- und Nacktbar „Tordenskjold“ oder ins „Gaslight“. Dänisch klingt wenig hier: „Sunrise“, „Café Rendezvous“ oder „Corner Pub Bar“, „Cantina Rosa“ oder „Beef Burger“, außer man will sich im „Fyrtojet“ oder „Fakten“ sättigen. Und alles – natürlich – „hygge“, wie die Prospekte kündigen. Man glaubt’s aufs Wort.

Die Tage verbringt man beim Shopping, etwa in der wimpelgeschmückten Fußgängerzone Algade oder nebenan in der Adelgade, geht in die Galerie „Moestrup“ mit zeitgenössischer dänischer und internationaler Kunst und mit Blick auf die Budolfi-’ Kirche. Oder man schlendert zu Lederträumen bei „Neye“ in die Bispensgade, zu Handarbeiten in die 0steraa. Gute Pfeifen gibt’s bei „Thomson“, Geschenkartikel bei „Ypkendans“, beide ebenfalls in der Bispensgade.

Doch wenn dann der Schatten von Budolfi länger aufs schwarzweiß gemusterte Pflaster der Algade fällt, dann wird’s wieder Zeit für Kümmel und Pølser – Würstchen –, für den Sound in den Discos in der Jomfru Ane Gade. Jomfru Ane war, so sagt man, eine Hexe, und deshalb mußte sie zu Tode kommen. Aber weil sie auch von Adel gewesen, schlug man ihr „nur“ den Kopf ab. Ålborgs Wahrzeichen konnte sie nicht werden – das ist die Gänseliese. Sabine König