Spanische Viehzüchter fürchten die Konkurrenz der Überschußprodukte aus dem Norden

Auf den Zufahrtsstraßen nach Santiago de Compostela herrscht an jedem Mittwochnachmittag Hochbetrieb. Vor allem auf der Straße, die von La Coruna nach Santiago führt, ist an der Ortseinfahrt kein Durchkommen mehr, denn zu Hunderten drängen sich dort die Laster an der Einfahrt zum „mercado nacional de ganado“, dem Viehmarkt.

Der Viehmarkt ist der bedeutendste in ganz Galicien, dieser nordwestlichsten Provinz Spaniens. Grunzend und muhend stehen Schweine, Rinder und Schafe dicht an dicht gepreßt in den engen Transportern und warten auf ihre Käufer. Ohne das Vieh überhaupt erst auszuladen, verhandeln die einheimischen Bauern mit den von weither gereisten Viehhändlern aus allen Teilen Spaniens.

Die Kennzeichen der Laster verraten, daß viele Käufer aus Katalonien, dem Nordosten der Iberischen Halbinsel, kommen. Ihnen liegt viel daran, mit der Ware noch am Freitag auf den Märkten und Schlachthöfen Barcelonas vertreten zu sein. Weit über tausend Kilometer müssen sie bis dahin auf kurvigen Landstraßen hinter sich bringen.

Doch bald schon könnte sich dieses lebhafte Bild ändern, so fürchten zumindest die galicischen Bauern. Sie sehen ihre traditionellen Absatzmärkte im Nordosten Spaniens durch den Beitritt zur EG gefährdet. Seit die grundsätzliche Einigung zwischen der EG, Spanien und Portugal am 28. März in Brüssel erreicht wurde, reißen daher die Klagen und Proteste der galicischen und asturischen Bauern nicht mehr ab. Ganzseitige Anzeigen füllen die Regionalzeitungen, in denen die verheerenden Folgen für den Milch- und Fleischsektor beschrieben werden, wenn die EG mit ihrer Überschußproduktion auf den spanischen Markt drängt.

Bisher wird dieser Sektor der spanischen Agrarwirtschaft vor allem von den Bauern aus Galicien, Asturien und von der kantabrischen Küste versorgt. Dort sind die klimatischen Bedingungen denen Mitteleuropas am ähnlichsten. Der nahe Atlantik sorgt für ausreichend Regen und sehr gemäßigte Temperaturen. Die satt grüne Landschaft hat mit dem Bild des mediterranen Spaniens wenig gemein und eignet sich mehr für Weide- und Forstwirtschaft als für Getreide- und Obstanbau. Asturien und die kantabrische Küste sind daher heute die größten Milchlieferanten Spaniens und versorgen die Absatzzentren Madrid und Barcelona.

Galicien hingegen tritt auf dem nationalen Markt bisher weniger als Milchlieferant denn als Lieferant von Zucht- und Schlachtvieh hervor. Knapp die Hälfte der Bevölkerung dieser Region lebt von der Landwirtschaft, die meist auf kleinen Anwesen von wenigen Hektar Land betrieben wird. Vorrangiges Ziel ist immer noch die Selbstversorgung, obwohl fast jeder Bauer ein paar Kühe hat, die als Zugtiere dienen, einige wenige Liter Milch pro Tag geben und jedes Jahr ein Kalb liefern. Der Verkauf dieses Jungviehs zählt zu den Haupteinnahmequellen für viele galicische Bauern und sorgt dafür, daß die Region der wichtigste Rindviehlieferant der Iberischen Halbinsel ist.