Wimbledon-Sieger Boris Becker – oder wie ein Siebzehnjähriger die Sehnsucht nach einem Idol stillt

Von Gerhard Spörl

Ein paar Tage lang haben sich die Deutschen von einem unmündigen Tennisprofi das Herz wärmen lassen, weil der im Spiel verkörperte, was ihnen in der Wirklichkeit angeblich abhanden gekommen ist: Leistungsfreude, Entschlossenheit und schier grenzenloses Selbstvertrauen. Es war, als hätten wir alle in Wimbledon mitgesiegt; nicht einmal der Bundespräsident machte einen Hehl aus seiner überschwenglichen Begeisterung. Bloß die Londoner Times hielt übellaunige Bemerkungen für angebracht. Es sei seltsam, so stand da zu lesen, daß die Deutschen plötzlich ihren Enthusiasmus für eine Sportdisziplin entdeckten, auf deren Weihestätte sie doch im Jahre 1940 eine Bombe geworfen hätten.

Tiefe Blicke in verquälte Seelen in Ehren, aber es war doch wohl alles viel einfacher. Der Erfolg des Boris Becker ist die alte, immer wieder neue Geschichte von einem, der sich ein Ziel setzt und es zum Staunen des ungläubigen Publikums eigensinnig, konsequent und ohne viele Worte erreicht. Der Außenseiter, der Jüngling, der Nobody fegt die Sieggewohnten, die Alteingesessenen, das Establishment vom Platz. Dergleichen ereignet sich in schöner Unregelmäßigkeit. Gäbe es eine unstrittige Handlungsanleitung, wie der Erfolg zu organisieren und zu inszenieren ist, wäre die Anteilnahme geringer. Der Charme des Ereignisses liegt im Zufälligen, im Unwägbaren. Und wen kann es wundern, daß das Volk, dem der Glückliche entstammt, sich in seinem Triumph umstandslos selber mitfeiert. Nüchtern, wie es seine Art ist, antwortete Boris Becker auf die Frage nach dem Jubel und Trubel, den die Deutschen veranstalteten: „Vielleicht haben sie ja jetzt ein Idol.“

Bereitschaft zur Identifikation

Kein Zweifel, daß ein Bedürfnis danach bestand. Nicht nur im Massensport Tennis, der so lange ohne ein werbeträchtiges einheimisches Idol hat auskommen müssen und dessen Aufschwung nun unvermeidlich ist. Nein, die Deutschen suchen überhaupt nach Idolen und Idealen, nach Vorbildern und Symbolen. Sie tun das im Westen wie im Osten, teils ganz privat, teils von Amts wegen.

Vor kurzem erschien eine sorgfältig dokumentierte Untersuchung, wen die Bundesbürger aller Altersklassen und Berufe am meisten bewundern. Daran läßt sich eine gewandelte Grundstimmung ermessen. Vier von fünf Auskunftspersonen fanden ihren Wunsch nach Idolen und Vorbildern diesmal ganz normal und zeitgemäß. Vor noch nicht allzu langer Zeit war dieselbe Frage, zumal von der Nachkriegsgeneration, abfällig beschieden worden: Personifizierte Autoritäten seien überholt, lautete noch 1973 die Antwort.