Von Dietrich Strothmann

Wieder einmal hatte sich der sonst so erfahrene, umsichtige, kühl abwägende Hans Koschnick verschätzt. Geradezu überfallartig hatte er Mitte Juni nach 18jähriger Dienstzeit als Bremens Regierungschef seinen Rücktritt für September, zur Mitte der Legislaturperiode, angekündigt. Und wie ein Kaninchen aus dem Hut hatte er gleich auch einen, seinen Kandidaten, als Nachfolger hervorgezaubert: den Fraktionsvorsitzenden Klaus Wedemeier.

Doch der Landesvater, den noch die meisten Genossen bis zuletzt für unersetzlich gehalten hatten, mußte rasch einsehen, daß er die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatte – ohne seinen langjährigen, wenngleich nicht so beliebten Weggefährten, den Sozialsenator Henning Scherf. Und als sich, entgegen dem klaren Votum im Landesvorstand und in den Spitzengremien der Unterbezirke, die Parteibasis für den ungewollten, ungeplanten Gegenkandidaten stark gemacht hatte, blieb dem nüchternen Kalkulator Koschnick nur das Eingeständnis: "Da war mehr Dampf unter dem Deckel im Kessel, als ich vermutet hatte."

So war es auch 1972 gewesen, als der damalige Bremer Senatspräsident Hans Koschnick sich um den Landesvorsitz der Partei beworben hatte. Nichts Böses ahnend war er im sicheren Gefühl seiner Wahl zu spät vor den Genossen aufgetaucht. Und die hatten sich, mit Klaus Wedemeiers tatkräftiger Hilfe, für Henning Scherf entschieden.

Zweimal der gleiche Fehler, die gleiche Fehlspekulation: sich zu früh und zu leichtfertig nur auf die eigene Macht verlassen zu haben. Dennoch hat es Hans Koschnick in keinem Fall geschadet, sich so geirrt zu haben. Seiner Reputation in Land und Bund tat dies keinen Abbruch. Die Parteibasis, allen voran Wedemeier und Scherf, war zwar ungehalten über Koschnicks Eigenmächtigkeit, aber bis vor kurzem noch erklärten beide unisono: Zu ihm gibt es keine Alternative. Auch am Dienstag abend, als es bei einem außerordentlichen Parteitag in Bremen-Vegesack um Koschnicks Nachfolger ging, stimmten sie noch einmal gemeinsam das Loblied auf ihren Vordermann an, der jetzt angeblich eine "Art Rentnerdasein" führen will, sich in Wahrheit aber wohl auf größere Aufgaben höheren Ortes vorbereitet, und wie die Auguren munkeln, auf Willy Brandts Nachfolge als Parteivorsitzender ab 1988 spekuliert.

Wohin Hans Koschnick nach verdienter Ruhepause auch immer streben mag – sein Auszug aus dem Bremer Rathaus bedeutet eine Zäsur für die Politik des Stadtstaates. Und es wird sich herausstellen, daß seine Fußstapfen für den von ihm favorisierten und am Dienstag gewählten Klaus Wedemeier zu groß sind. Dem Mehrheitsbeschaffer (seit 1971), dem Wirtschaftsakquisiteur (der Daimler-Benz an die Weser holte), dem Krisenmanager (nach der Schließung der traditionsreichen Werft AG Weser) gleicht so leicht keiner weit und breit. Der selbstbewußte Henning Scherf hätte da seine Schwierigkeiten gehabt, der selbstsichere Klaus Wedemeier wird sie haben. Was der neue Bürgermeister ist,-was er tut, wird noch für lange Zeit an diesem Landesvater, der Züge eines bremischen Übervaters trug, gemessen werden.

Dabei haben Koschnick und sein Nachfolger manches gemeinsam. Auch der 41jährige Klaus Wedemeier hatte eine schwere Jugend im Arbeitermilieu, auch er mußte sich durch Fleiß und Ehrgeiz hochboxen – über die Abendschule zum kaufmännischen Angestellten und Betriebsmanager. Auch er benötigte in der Politik die Gunst des Gönners, der seine Karriere förderte – vom Vorsitzenden der Jungsozialisten über den Sprecher im Haushaltsausschuß zum Fraktionsführer in der Bremer Bürgerschaft. Auch er entdeckte dann im harten Alltagsgeschäft, wo die stärkeren Bataillone stehen – bei den Gewerkschaften und den Wirtschaftsunternehmen. Klaus Wedemeier, der seine Fraktion durch Zucht und Zuspruch führte und zuletzt von seinem Lehrherren Koschnick immer intensiver in den politischen Entscheidungsprozeß einbezogen wurde, stellt freilich einen anderen, neuen Typ dar: alert, stets auf gepflegtes Äußeres bedacht, festgelegt auf Praxis und Pragmatismus, ausgestattet mit der auf Nützlichkeit eingegrenzten Phantasie eines Technikers, der Machtapparate zu beherrschen versteht.