Natürlich haben auch Worte ihre Konjunktur. Aber so schnell wie die „Wende“ ist noch kein Begriff von der Bühne verschwunden. Die Inszenierung war ein Flop, von dem sich sogar die Regisseure verschämt distanzieren. Dieser Tage meldete die FAZ auf ihrer Titelseite, Kohl sehe „eine Wendung zum Besseren“. Die Wende. Eine Wendung.

Der Wendehals, so steht es im alten Meyers von 1897, sei ein Klettervogel mit ziemlich kleinem Kopf und kurzen, stumpfen Flügeln. „Er ist träge, auf dem Boden wenig geschickt, klettert, fliegt ungern, in der Erregung und zur Abwehr verdreht er Hals und Kopf, verbeugt sich, breitet den Schwanz aus, verdreht die Augen. Das Nest wird höchst unreinlich gehalten. Er wird leicht zahm und ist durch sein eigentümliches Benehmen sehr unterhaltend.“

Wovor haben wir uns eigentlich gefürchtet, damals? Das hohle Pathos, mit dem Kohl die Wende hinausposaunte, das hühnerhofartige Flügelschlagen, mit dem die „geistig-moralische Erneuerung“ sich aufspreizte – das alles hätten wir schon damals durchschauen können, haben es wohl auch durchschaut, hatten zugleich aber aus verständlichen Gründen Angst, die neuen Machthaber könnten es ernst meinen und wären vielleicht ernst zu nehmen, für Künstler und Intellektuelle schienen schwierige Zeiten zu nahen.

Sie sind nicht gekommen. Weder die Wende ist eingetreten noch eine Wendung. Selbst die kriegerischen Ankündigungen Zimmermanns, er werde die Filmförderung auf Vordermann bringen, sind vergleichsweise folgenlos geblieben. Die jüngst bekanntgegebenen Förderungsmaßnahmen (an erster Stelle 400 000 Mark für den keineswegs opportunen Peter Fleischmann) lassen nicht auf ein kulturelles Roll back schließen. Zugegeben, in den Funkanstalten baut die CDU ihre Machtposition aus. Aber das hat die SPD ebenso gehalten, und sie würde es noch mehr tun, wenn sie nur könnte. Zugegeben, der Versuch, die Medien zu privatisieren und zu kommerzialisieren sah und sieht beängstigend aus. Aber gleichen die gigantischen Verkabelungsprojekte nicht immer mehr einem Windei? Alles in allem scheint es, daß die christlich-soziale Koalition dem geistigen Leben der Republik ebenso wenig schadet, wie die sozial-liberale Koalition ihm genützt hat.

Vor einer Woche veröffentlichte das Feuilleton der FAZ einen bemerkenswerten Aufsatz von Mark Siemons, in dem es einleitend heißt: „Die Beschwörung der geistig-moralischen Erneuerung, mit der die Regierung angetreten war, scheint ihr mehr und mehr zur einschläfernden Wiederholung konsensfähiger Trivialitäten zu geraten.“ Siemons macht dafür eine verkürzte Rezeption der Philosophie Karl Poppers verantwortlich. Das mag so sein, obgleich Popper auch in anderen Parteien, etwa in der SPD, seine Adepten hat:

Wahrscheinlicher ist etwas anderes: die von der CDU angekündigte konservative Renaissance ist deshalb mißlungen, weil die CDU gar keine konservative Partei ist. Anders als die SPD hat sich die CDU von programmatischen Vorstellungen nie einengen lassen. Sie ist eine Machtgewinnungs- und Machterhaltungspartei. Ein wirklicher Konservatismus, der vom Naturrechtsdenken und von einer skeptischen Anthropologie geprägt wäre, der ethische Ewigkeitswerte verteidigte gegen schrankenlosen Individualismus, findet sich allenfalls in der CSU. Was aus bayerischen Bierhallen in die Republik herüberschallt, ist anachronistisch, zugleich aber vital und nicht ungefährlich. In Bonn jedoch hocken nicht konservative Köpfe, sondern kopflöse Besitzstandswahrer. Da herrscht nicht die Wende, sondern der Wendehals. Auch das ist nicht ungefährlich.

Die Ursache des allgemeinen und von Überzeugungs-Konservativen beklagten laisser-faire liegt nicht in einer unvermuteten Liberalität der Regierung, sondern eher darin, daß man in Bonn permanent beschäftigt scheint, wacklige Kabinettstühle zu leimen. Davon geht für das geistige Leben der Republik keine Gefahr aus. Der tatsächliche geistige Umschwung, etwa der neu erwachte ästhetische Traditionalismus in den Künsten, der eklektische Historismus und die Rückbesinnung auf alte, nunmehr alternative Weisheiten – für all das kann der Wendehals nichts. Er verdreht Hals und Kopf und versteht nur Bahnhof.

Ulrich Greiner