Die Angst der Minister

Von Dörte Schubert

Einer Dortmunder Lehrerin geht die Anteilnahme an ihrem Unterricht bisweilen zu weit. Nicht das Informationsbedürfnis der Schüler, sondern das der Eltern muß sie jeden Morgen befriedigen, bevor sie sich auf den Weg in die Klasse begibt. Was sie denn heute durchzunehmen gedenke, will eine Mutter tagtäglich wissen, und ob das ihre Tochter auch genügend fordere. Eine Hamburger Kollegin wird von Eltern angehalten, mehr Hausaufgaben aufzugeben und statt Sport lieber Mathematik zu betreiben. In Hessen nutzen Scharen von Eltern ihre verbrieften Rechte, um den Aufstand gegen die allgemeine Einführung der Förderstufe zu proben. Vielerorts fühlen sich Lehrer durch das fordernde Engagement der Mütter und Väter zunehmend in die Enge getrieben und verunsichert.

Früher gingen Eltern eher kleinlaut zum Lehrer, um sich über die Wissenslücken des Nachwuchses aufklären zu lassen. Das "Elterngespräch" wurde vom Lehrer dominiert. An der Profi-Pädagogik waren die Eltern sowenig beteiligt wie die Augsburger Puppenkiste an Horror-Videos. Noch im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats 1970 kamen sie nur an einer einzigen Stelle vor: Als es um die Mitarbeit im Kindergarten ging. Unterrichten, das war hoheitliches Handeln und Elternmitarbeit beschränkte sich auf das häusliche üben, damit sich das Kind in der Schule "gut machte".

Dann wendete sich das Blatt, es folgte das Jahrzehnt der Mitbestimmung. Bei der Verwirklichung bildungspolitischer Reformen brauchte man die Unterstützung der Eltern, die nunmehr "Demokratie wagten" und bei den schulischen Belangen ihrer Kinder mitredeten. Mit der Erkenntnis, daß die Sozialisation in Familie und Schule gleichermaßen für die spätere Karriere verantwortlich ist, hielten die Elternräte Einzug in den Schulen. Die Elternbeteiligung, wie sie das Schulmitwirkungsgesetz in Nord ein-Westfalen, das Schulverfassunesgesetz in Hamburg oder eine Vielzahl von länderspezifischen Rechts- und Verwaltungsvorschriften regelt, reicht vom schlichten "Recht der Eltern über schulische Vorhaben informiert zu werden (in den meisten Bundesländern) bis zu ihrer Mitentscheidung bei Prüfungsordnungen (in Hessen). Sie liegt inzwischen manchem Lehrer und Kultusbürokraten schwer im Magen.

Die unbezahlten Pädagogen wirken je nach Landesverfassung unterschiedlich mit: Sie unterstützen die Schulmeister(innen) nicht nur in "wesentlichen Fragen des Unterrichts" und dürfen Vorschläge zur "Aufrechterhaltung der Ordnung an den Schulen" unterbreiten (Rheinland-Pfalz), sie entscheiden nicht nur welche Lernmittel angeschafft, oder welche zusätzliche Lehrveranstaltungen angeboten werden (in Nordrhein-Westfalen), sondern gestalten zuweilen auch den Unterricht höchstpersönlich (an Hamburger Grundschulen). Manchmal, wie in Dortmund-Huckarde geschehen, sorgen sie auch für die Entlassung eines Lehrers.

In Hessen muß sich gar der Kultusminister dem Willen der häuslichen Erzieher beugen: Verweigert dort der Landeselternbeirat seine Zustimmung bei "Bestimmungen, welche die Aufnahme in weiterführende Schulen und die Übergänge zwischen den Schulen regeln", kann der verantwortliche Politiker seinen Willen nur mit Zustimmung der Landesregierung durchsetzen.

Die Angst des Lehrers vor den Eltern ist allerdings dort besonders groß, wo Einzelkinder den pädagogischen Literaturkenntnissen und den intensiven Karrierebestrebungen ihrer häuslichen Erzieher ausgesetzt sind. Die meisten Eltern interessieren sich jedoch nur solange für ihre Rechte, wie noch nicht über die schulische Karriere des Kindes entschieden ist. Dann erlahmt das Engagement.

Die Angst der Minister

Wolfgang Melzer, Leiter des Forschungsprojekts "Elternhaus und Schule" an der Universität Bielefeld, fand in empirischer Kleinarbeit heraus: Je älter die Kinder, desto seltener erscheinen die Eltern in der Schule. Hanne Cohrs-Hermann, Lehrerin an einer ostfriesischen Hauptschule, macht ähnliche Erfahrungen: "In der Orientierungsstufe geht es den Eltern nur um ein Ziel: Das Kind rechtzeitig für das Gymnasium zu qualifizieren, Ist das geschafft, interessiert sich niemand mehr für die vielgepriesene Elternpartizipation. "

Immerhin ist das erstrebenswerte "vertrauensvolle Zusammenwirken" der Eltern und Lehrer auf individueller Ebene leichter herzustellen, als in der Kampfesarena zwischen "Berufseltern" und Kultusministerien – das Hamburger Beispiel der Elternmitarbeit im Unterricht und Elternengagement an "freien" und Waldorfschulen beweisen es. Vehemente Streiter in den Gremien scheuen dagegen auch den Gerichtsweg nicht, wenn es um konträre Ansichten über Sexualerziehung, Friedenswochen oder Schulschließungen geht.

So hoch wie in den USA, wo Eltern mit Hilfe christlicher Radiosender 34 "unerwünschte Unterrichtsthemen" aus der Schule verbannen wollen (darunter die Darwinsche Evolutionstheorie, den Atomkrieg und die Hexerei) branden die Wogen der ideologischen Auseinandersetzung zwar nicht, doch finden die organisierten Mütter und Väter auch hier genügend Angriffspunkte. Der bremische Elternverein kritisiert zum Beispiel, daß immer noch zu viele Schulbücher mit dem Gedankengut der emanzipatorischen Pädagogik auf dem Markt seien: "Auf solche Inhalte sollen Eltern besonders achten, weil sie dazu angetan sind, die Heranwachsenden total zu verunsichern." Der Hamburger Elternbund fürchtet "alternative Grundschulklassen", weil Schulen in der Hansestadt den ersten bis vierten Klassen keine Ziffernzeugnisse mehr erteilen müssen. Die hessischen Kinder sollen mit der Förderstufe nicht dem "Ideologiediktat – auch nicht dem einer Parlamentsmehrheit – unterworfen werden", fordern der Vorsitzende des Hessischen Elternvereins Günter Paul und seine Mitstreiter.

Weil auch die CDU den Kampf gegen die "Zwangsförderstufe" und für die "Freiheitsrechte" aufgenommen hat und weil es personelle Verknüpfungen mit oppositionellen Eltern gibt, macnt man gleichzeitig Politik. In einem Appell warnte der Hessische Elternverein 1979: "Wie inzwischen bekannt wird, drängen aber Funktionäre der SPD und des DGB in die Elternbeiräte der unteren Klassen. Wenn wir nicht aufpassen, wird unser Erfolg in Stadt und Land nicht wiederholbar werden." Die andere Seite zog ebenfalls in die politische Arena. Als zwei Mitglieder des Elternvereins-Gegners "Bildung für alle" in den hessischen Landesbeirat gewählt wurden, verbuchte die GEW das als ihren Erfolg. Selbst Willy Brandt hatte derzeit dazu aufgerufen, "die konservative Macht der Elternverbände zu brechen".

Zwischen Kassel und Wiesbaden wissen vor allem die juristisch beschlagenen Elternfunktionäre die Nomenklatur des Mitbestimmungsgesetzes zu nutzen. Sie sind inzwischen Experten im Umgang mit der Geschäftsordnung. Juristen eignen sich vorzüglich für die Elternratsarbeit, da "das Schulwesen sehr verrechtlicht" ist, meint Ilse Maria Oppermann vom Bundeselternbeirat. Doch geht es nicht nur auf das Konto eines Berufsstandes, daß Elternarbeit zunehmend vor dem Kadi geleistet wird. Der Gesetzestext konnte sich nur deshalb zur entscheidenden Elternwaffe entwickeln, weil die Schulzensur immer entscheidender für das berufliche Sein oder Nichtsein wurde.