Wolfgang Melzer, Leiter des Forschungsprojekts "Elternhaus und Schule" an der Universität Bielefeld, fand in empirischer Kleinarbeit heraus: Je älter die Kinder, desto seltener erscheinen die Eltern in der Schule. Hanne Cohrs-Hermann, Lehrerin an einer ostfriesischen Hauptschule, macht ähnliche Erfahrungen: "In der Orientierungsstufe geht es den Eltern nur um ein Ziel: Das Kind rechtzeitig für das Gymnasium zu qualifizieren, Ist das geschafft, interessiert sich niemand mehr für die vielgepriesene Elternpartizipation. "

Immerhin ist das erstrebenswerte "vertrauensvolle Zusammenwirken" der Eltern und Lehrer auf individueller Ebene leichter herzustellen, als in der Kampfesarena zwischen "Berufseltern" und Kultusministerien – das Hamburger Beispiel der Elternmitarbeit im Unterricht und Elternengagement an "freien" und Waldorfschulen beweisen es. Vehemente Streiter in den Gremien scheuen dagegen auch den Gerichtsweg nicht, wenn es um konträre Ansichten über Sexualerziehung, Friedenswochen oder Schulschließungen geht.

So hoch wie in den USA, wo Eltern mit Hilfe christlicher Radiosender 34 "unerwünschte Unterrichtsthemen" aus der Schule verbannen wollen (darunter die Darwinsche Evolutionstheorie, den Atomkrieg und die Hexerei) branden die Wogen der ideologischen Auseinandersetzung zwar nicht, doch finden die organisierten Mütter und Väter auch hier genügend Angriffspunkte. Der bremische Elternverein kritisiert zum Beispiel, daß immer noch zu viele Schulbücher mit dem Gedankengut der emanzipatorischen Pädagogik auf dem Markt seien: "Auf solche Inhalte sollen Eltern besonders achten, weil sie dazu angetan sind, die Heranwachsenden total zu verunsichern." Der Hamburger Elternbund fürchtet "alternative Grundschulklassen", weil Schulen in der Hansestadt den ersten bis vierten Klassen keine Ziffernzeugnisse mehr erteilen müssen. Die hessischen Kinder sollen mit der Förderstufe nicht dem "Ideologiediktat – auch nicht dem einer Parlamentsmehrheit – unterworfen werden", fordern der Vorsitzende des Hessischen Elternvereins Günter Paul und seine Mitstreiter.

Weil auch die CDU den Kampf gegen die "Zwangsförderstufe" und für die "Freiheitsrechte" aufgenommen hat und weil es personelle Verknüpfungen mit oppositionellen Eltern gibt, macnt man gleichzeitig Politik. In einem Appell warnte der Hessische Elternverein 1979: "Wie inzwischen bekannt wird, drängen aber Funktionäre der SPD und des DGB in die Elternbeiräte der unteren Klassen. Wenn wir nicht aufpassen, wird unser Erfolg in Stadt und Land nicht wiederholbar werden." Die andere Seite zog ebenfalls in die politische Arena. Als zwei Mitglieder des Elternvereins-Gegners "Bildung für alle" in den hessischen Landesbeirat gewählt wurden, verbuchte die GEW das als ihren Erfolg. Selbst Willy Brandt hatte derzeit dazu aufgerufen, "die konservative Macht der Elternverbände zu brechen".

Zwischen Kassel und Wiesbaden wissen vor allem die juristisch beschlagenen Elternfunktionäre die Nomenklatur des Mitbestimmungsgesetzes zu nutzen. Sie sind inzwischen Experten im Umgang mit der Geschäftsordnung. Juristen eignen sich vorzüglich für die Elternratsarbeit, da "das Schulwesen sehr verrechtlicht" ist, meint Ilse Maria Oppermann vom Bundeselternbeirat. Doch geht es nicht nur auf das Konto eines Berufsstandes, daß Elternarbeit zunehmend vor dem Kadi geleistet wird. Der Gesetzestext konnte sich nur deshalb zur entscheidenden Elternwaffe entwickeln, weil die Schulzensur immer entscheidender für das berufliche Sein oder Nichtsein wurde.