Von Horst Bieber

Buenos Aires, Ende Juni

Argentinier, so sagt ein bissiger Spott, stehen gern Schlange, weil es eine sinnvolle Beschäftigung ist, die Zeit totzuschlagen. Schon lange vor Öffnung der Banken hatten sich lange Reihen gebildet, einige über drei Häuserblocks in der schachbrettartig gebauten Innenstadt. Nach drei von der Regierung verordneten Bank-Feiertagen schien ganz Buenos Aires auf den Beinen, um sich entweder Geld zu besorgen und Rechnungen zu bezahlen – oder auch, und das würde der erste Test für die Regierung Alfonsin sein, um Guthaben abzuheben und in Dollars umzutauschen.

Denn am 14. Juni hatten Präsident Raul Alfonsin und Wirtschaftsminister Juan Sourrouille über das Fernsehen ein Sanierungsprogramm verkündet, das nach argentinischen Maßstäben nur die Bezeichnung "revolutionär" verdient. Dem inflationsgepeinigten Dreißig-Millionen-Volk versprach der Präsident: Die neue Währung, "Austral" genannt, wird fest an den Dollar gebunden (1 Austral = 0,8 Dollar). Löhne und Preise werden auf den Stand vom 13. Juni eingefroren. Die Notenpresse wird angehalten. Der Staat wird sein Budgetdefizit drastisch senken, den beliebten Volkssport Steuerhinterziehung unterbinden und darauf bestehen, daß öffentliche Betriebe – vom Nahverkehr bis zur Müllabfuhr – sich vollständig aus Gebühreneinnahmen finanzieren. Soll- und Haben-Zinsen werden fast halbiert. Oder einfacher: Der Kurs in der Finanz- und Währungspolitik wird um 180 Grad gedreht. Alles soll anders werden.

"Das ist eine Revolution", sagt fast ehrfurchtsvoll eine junge Frau in der Schlange. Die Zustimmung reicht akustisch über ein Dutzend Wartender. "Aber wird sie auch erfolgreich sein?" Die Wartenden haben Zeit zu diskutieren, übrigens erstaunlich fachkundig. Eine zuletzt mit über 1000 Prozent Jahresinflation geschlagene Bevölkerung hat die Währungsspekulation fast notgedrungen erlernt, sie zählt zur Überlebensstrategie aller Lohnempfänger. "Ein Volk von 30 Millionen Spekulanten", hat ein ehemaliger Wirtschaftsminister seine Landsleute genannt und entschuldigend hinzugefügt: "Aber schließlich hatten sie auch vier Jahrzehnte Zeit, sich daran zu gewöhnen."

Also: Erfolg oder nicht? Die Schlange rückt erbärmlich langsam vorwärts; als der erste Mit-Diskutant eingelassen wird, hat sich eine Meinung gebildet: Neun von zehn geben dem Präsidenten eine Chance. Bedenken äußern alle; aber er hat eine Chance, der Erfolg ist lange noch nicht gesichert, "vor allem muß er jetzt durchhalten, hoffentlich wird er nicht schwach". – "Der nicht." – "Es war höchste Zeit, daß etwas geschah."

Die Schlange hatte etwas zu freundlich gestimmt. Am Abend dieses Tages wurde erste Bilanz gezogen: Vier von fünf Argentiniern hatten ihre Guthaben nicht aufgelöst oder in eine andere Währung umgetauscht; achtzig Prozent, so darf man wohl daraus schließen, stehen hinter ihrem Präsidenten, obwohl allen klar ist, daß harte Zeiten bevorstehen. Der Staat muß seine Investitionen noch einmal drosseln und verschlimmert damit die Rezession. Rund 200 000 Staatsangestellte sollen ihren Job verlieren. Von den über 300 staatlichen Betrieben werden viele schließen müssen, wenn die Verluste nicht mehr vom Staat ausgeglichen werden – ein Volk, das jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat, muß nun die Zeche bezahlen.