ZDF, Donnerstag, 4. Juli: „Lebenserfahrungen,“ Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus. Dokumentarfilm von Hans-Dieter Grabe

Im Ersten Programm wurde der Uraltschlager „Stormy Weather“ von einer in Silberlame gehüllten holländischen Sängerin verhunst – ach Zarah Leander, ach Hilde Hildebrandt! Im Zweiten Programm lief zeitgleich ein Dokumentarfilm über die Atombombenopfer von 1945. Auch Weltuntergänge haben ihre Jubiläen. Vierzig Jahre ist es her, daß in Hiroshima und Nagasaki über 300 000 Menschen starben, verbrannten also oder „verdampften“. An diesen Tatbestand’zu erinnern ist notwendig, und der Film, von dem ich hier rede, wurde dem gerecht. Er führte uns die Konsequenzen vor, die es hat, wenn das rote Knöpfchen gedrückt wird: unverhältnismäßige. Hoffentlich haben auch diejenigen den Film gesehen, die es dann tun sollen oder wollen, das Knöpfchen drücken. Vielleicht kriegen sie ja doch Skrupel?

So unnötig und schädlich es ist, die täglichen Mordtaten morgens, mittags und abends in die Gegend zu posaunen – von denen am nächsten Tag schon niemand mehr etwas weiß –, so „über“-lebensnotwendig ist es, von der größten Mordtat in der Geschichte der Menschheit zu reden, da sie sich wiederholen kann. Man muß es bedauern, daß wir nicht, wie die Japaner, die Möglichkeit haben, Räucherkerzen zum Gedenken an die Opfer dieser Mordtat zu entzünden. Wir haben alle Ursache, ihnen, zu danken, denn ihr Leiden, wenn wir es der Welt oft genug vorführen, bewahrt uns vielleicht vor einem ähnlichen Schicksal. Merkwürdig, daß ihre eigenen Landsleute sich ihrer nicht so gern erinnern. Die Atombombenopfer wurden lange Zeit totgeschwiegen, ja sie werden heute noch wie Ausgestoßene behandelt.

Der Film von Hans-Dieter Grabe steht in der Tradition der Interview-Filme. Die überlebenden Opfer von damals sitzen vor der Kamera und berichten. Ein Mann, der seine Frau dahinsiechen sah; ein Photograph, der kurz nach dem Angriff sich nicht getraute, die herumirrenden Halbtoten zu photographieren; ein Eisenbahner, der mit seinem Zug ins brennende Nagasaki fuhr, um Verletzte herauszuholen: „Die Gleise waren dick verschmiert mit Menschenblut und Menschenhaut. Ein Briefträger, der in einem Krankenhaus drei Jahre schrecklichster Tortur überlebte; man durfte zusehen, wie ihm der hautlose Rücken, das rohe Fleisch also, mit Watte abgetupft wurde. Eine Frau, die schwanger war, als der Blitz Nagasaki zerstörte; ihr Junge, jetzt vierzig, steht auf der Entwicklungsstufe eines Dreijährigen.

Die Aussagen dieser Menschen – leider wurden indiskreterweise sogar deren. Tränen in Nahaufnahme vorgeführt – waren von apokalyptischer Eindringlichkeit und doch überaus sachlich, im Gegensatz zu der Synchronsprecherin, die die Leidende mimte. Nicht ein einziges Wort der Anklage gegen die USA fiel, allerdings war auch keine Reflexion zu hören über Pearl Harbor. Hier meinte wohl Hans-Dieter Grabe eingreifen zu müssen. Ziemlich pauschal tat er das, und auf Pearl Harbor ging auch er nicht ein. Er sprach von amerikanischen Wissenschaftlern, die zunächst auftragsgemäß die Bombe entwickelt und danach vor ihrer Anwendung gewarnt hätten. Und von Militärs, die auf diese Warnungen nicht hörten. Namen fielen nicht. Die Physiognomien dieser Leute hätten einen wirksamen Kontrast abgegeben zu den Gesichtern der Opfer.

Überhaupt die Kontraste. Der Tanz auf dem Vulkan wurde vermißt. Ein Hinweis darauf, daß wir die letzten Tage von Pompeji gerade jetzt erleben. An die Stelle der wiederaufgebauten Städte, die ab und zu eingeblendet wurden – langweilig und zahm hätte man besser eine Nachtbar gezeigt mit fideler Jugend. Mein Umschalten zu der mit dem Mikrophon schmusenden holländischen Sängerin war da schon eindrucksvoller. Dadurch bekam die Sache Biß. Das Atombombenjubiläum war auf einmal keine Sache mehr von damals, sondern von heute. Walter Kempowski