Originell

Alésia Cosmos: „Aéroproducts“. Zum Titelbild, auf dem die beiden Herren sowie die Dame des Trios zusammen mit Schwarz- und Rotwild und anderen Tieren des Waldes posieren, und zur Musik fällt einem nach der ersten Verblüffung zunächst einmal dieses Wort ein: verrückt, ziemlich verrückt. Wer will, kann in diesem eigenwilligen Konzert Jazz und Rock entdecken, am ehesten trifft man diese Art von Musik, Gesang, Geräusch mit dem unpräzisen Begriff Pop. Wasser plätschert, Ketten klirren, Autos fahren, es pocht, es schießt, es knallt und knattert, man hört es jammern, singen, sprechen. Die Stücke haben Namen wie King Kong, Bauchaufschlitzer, Marienbad und Ententanz, Nebenkäfig, Liebesangriff und Globaler Kuß. Die Affäre Tanaka allerdings bleibt einem Nicht-Franzosen vollständig fremd, weil dieser Bericht in diesem Tempo eine Zumutung und der Verzicht auf ein Blatt mit der Übersetzung eine Frechheit ist. Wie auch: dies ist eine schwerlich zu rubrizierende, seltsam faszinierende, teils komische, teils nervös machende, teils amüsante, auch alberne, laszive, aggressive, jedenfalls originelle Musik. Nein, den Ohren schmeichelt diese anderthalb Schallplatten lange Vorführung nicht, aber sie hält unentwegt die Neugier wach. (Hat Hut Records Ltd., Box 461, CH-4106 Therwil; hat ART 2021) Manfred Sack

Ärgerlich

Wolfgang Amadeus Mozart: „Sinfonien Nr. 35 (,Haffner‘) und 41 (,Jupiter‘)“. Gottlob muß noch nicht jeder alles können, dürfen Interpreten vom Range der Wiener Philharmoniker und eines Leonard Bernstein auch einmal künstlerisch irren. Daß sie es zusammen an Mozart tun, ist mehr als enttäuschend, nämlich ärgerlich. Bernstein verlangt in den schnellen Sätzen überhitzte Tempi: die Philharmoniker liefern sie ihm virtous – aber die Artikulation stirbt einen raschen Tod. Bernstein möchte einen satten, ausdrucksvollen Ton: die Philharmoniker blasen und streichen aufs kräftigste – aber Mozart ist unter die Romantiker gerückt. Bernstein möchte strukturieren: die Philharmoniker müssen Bindebögen mißachten, Vorschläge nach Willkür ausführen, dynamische Entwicklungen hinzufügen. Mozart hatte die Phrasierung sehr ernst genommen, hier wird sie nur zu oft ignoriert. Die Zweiunddreißigste-Triole im 2. „Haffner“-Satz, die Baß-Kadenz am Menuett-Schluß, die Forte-Piano-Wechsel der Bläser im 2. „Jupiter“-Satz, das Gewicht der Trompeten im Finale – die Partituren der neuen Mozart-Ausgabe klagen an. (DG 415 305)

Heinz Josef Herbort