Von Justin Westhoff

Nein, die „neue Seuche“ ist kein von der Presse aufgebauschtes Minderheitenproblem. Das unheimliche Leiden mit dem englischen Kürzel Aids (für Acquired Immunodeficiency Syndrome, deutsch: erworbene Immunschwäche) forderte bislang allein in den Vereinigten Staaten mehr als 5600 Opfer; dort sind über elftausend Krankheitsfälle registriert. Und alles deutet darauf hin, daß dasselbe persönliche und soziale Drama demnächst auch in der Bundesrepublik abläuft, falls nicht doch noch eine überraschende Wende eintritt.

Die Gefahr scheint hierzulande noch nicht so richtig erkannt worden zu sein. Deshalb werden auch die jüngsten, erstmals so etwas wie Hoffnung aufkommenlassenden Forschungsergebnisse nur unzureichend aufgegriffen.

Ein Teil der Betroffenen sieht weiterhin nichts als Minderheiten-Hetze. Journalisten und Wissenschaftler fürchten sich vor dem Vorwurf der „Panikmache“. Politiker bewilligen nur vergleichsweise lächerliche Summen für Behandlung, Vorsorge und Forschung. Und das Verbandsorgan Deutsches Ärzteblatt druckt naiv: „Es besteht kein Grund für die Annahme einer Ausbreitung von Aids in der allgemeinen Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland.“

Diese Allianz von Ignoranz und Beschwichtigung könnte verheerende Folgen haben:

  • Alle bisher bekannten Daten deuten auch in der Bundesrepublik auf einen „lawinenartigen Anstieg“ der Aids-Fälle hin, wie das Fachblatt Klinische Wochenschrift kürzlich berichtete.
  • Aids ist kein Problem eingrenzbarer Bevölkerungsgruppen – und wird es künftig erst recht nicht sein. Die Krankheit ist dabei, sich zu einer Epidemie zu entwickeln.
  • Aids-Forscher melden seit einigen Wochen Fortschritte, die nur mit Hilfe kräftiger Finanzspritzen rasch in praktische Erfolge umgesetzt werden können.
  • Gegen Aids gibt es so etwas wie eine Vorbeugung – es muß nur offen darüber gesprochen werden.

Die beiden Göttinger Professoren Gerhard Hunsmann, Virologe am Deutschen Primatenzentrum, und Manfred Eigen, Nobelpreisträger und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, sind in einem Bericht der neuesten Ausgabe der Klinischen Wochenschrift sehr deutlich: „Wir halten in diesem Stadium ein Herunterspielen der Gefahr für ebenso gefährlich wie jede Art von Panikmache.“