Von Jürgen Zimmer

Ach, du mein liebes Österreich: Waren das Zeiten, als die Tanzschiffe der Bodenseeflotte mit uns jungen Lindauern vor Bregenz abdrehen mußten, weil in Vorarlberg der Twist verboten war! Waren das Nächte, als die konkreten Poeten der Wiener Gruppe, voran Gerhard Rühm, Ossi Wiener und H. C. Artmann – als entartet aus den Literatencafes ihrer Heimatstadt vertrieben –, im Berlin der sechziger Jahre ihre „Österreichische Exilregierung“ gründeten, während der Aktionist Günter Brus sich öffentlich peinigte und der verunsicherten Schickeria rings um die „Rixdorfer Gruppe“ seine Zeitschrift Schastrommel verkaufte.

Deutschnationale Jagdszenen finden gegenwärtig hinter den sieben Bergen statt, südlich von Klagenfurt, dort, wo nahe am steilen Loiblpaß seit tausend Jahren eine slowenische Minderheit lebt, Angehörige einer Volksgruppe, die – durch die Grenzen Österreichs, Jugoslawiens, Ungarns und Italiens gevierteilt – nie zu den Herrschenden gehörte, wohl aber zu den Gerupften, Unterdrückten, den „Artfremden“. Die Slowenen in Kärnten fühlen sich als Österreicher, kein Zweifel, und in ihrer Mehrzahl als gute Katholiken dazu. Aber sie haben etwas, was Kärntner Chauvinisten ein ständiger Dorn im Auge ist: eine eigene Geschichte, Spuren einer eigenen Kultur und vor allem eine eigene Sprache.

Das ist ein merkwürdiger Landstrich. Dort handelt die Geschichte von der tapferen Bäuerin Helena Kuchar, die Anfang der vierziger Jahre eine rote Decke aus dem Fenster hängte, um die Partisanen oben im Wald vor den herannahenden Nazis zu warnen, und selbst zur Partisanin Jelka wurde, als man die Nachbarn aus ihren Keuschen, den ärmlichen Hütten, deportierte. Es ist eine Gegend, in der einige Kommunalpolitiker offen mit ihrer braunen Vergangenheit kokettieren und der Landesbischof Capellari noch heute die Feldmesse liest, wenn sich die Ultras vom „Kärntner Abwehrkämpferbund“ treffen. Dort ist auch das Revier des „Kärntner Heimatbundes“, einer rechtskonservativen, 110 000 Mitglieder zählenden Vereinigung, die – so ein Kenner – den „Faschismus des Möglichen“ betreibt und zur Jagd auf die slowenischen Kinder bläst: Die sollen nicht mehr wie bisher in zweisprachigen Schulen mit deutschsprachigen Kindern zusammen unterrichtet werden, sondern „eingedeutscht“ oder in Reservatsschulen gesteckt werden.

Wenn einem – wie den Slowenen – kein eigener Staat zuerkannt ist, wird es überlebenswichtig, wenigstens einen einheitlichen Kulturraum zu haben. Die Kärntner Slowenen treten in ihren Gebieten deshalb für zweisprachige Schulen ein, wohl wissend, daß deutschsprachige Schulen das Slowenische nicht nur auf den Hausgebrauch abdrängen, sondern nach zwei, drei Generationen eliminieren können. Zugleich wollen sie keine Sonderschulen, wollen mit ihren Kindern nicht ins Getto, nicht Österreicher zweiter Klasse sein.

Zweisprachige Volksschulen haben sie, zwar nicht in genügender Zahl, aber wo immer sie sind, mit dem friedlichen Nebeneinander von Kindern slowenischer und deutscher Muttersprache. Das ist ihr im Artikel 7 des österreichischen Staatsvertrags niedergelegtes Recht; aber dieses Recht ist nach dem Prinzip der Salamitaktik über die Jahre vielfältig beschnitten worden. 1953 wurde versucht, das Gebiet zweisprachiger Schulen einzuschränken. 1958 organisierte der „Kärntner Heimatdienst“ eine Kampagne zur Abmeldung der Kinder aus zweisprachigen Schulen. Slowenische Eltern wurden von deutschnationalen Arbeitgebern unter Druck gesetzt, die Gendarmen, Zöllner und Richter machten mit.

Der Abmeldekampagne – die Zahl der Schüler in zweisprachigen Schulen war von 12 000 auf 2000 geschrumpft – folgte 1959 das Anmeldeverfahren. Wer seine Kinder in zweisprachige Schulen anmeldete, verließ die Kärntner Schulnorm, wurde zum schulischen Outlaw, erhielt das Stigma des „nationalbewußten Slowenen“. 1976 wurde unter dem Boykott der Slowenen eine „geheime Erhebung der Muttersprache“ durchgeführt und ihr absurdes Ergebnis – das Slowenische gebe es kaum noch – für bare Münze verkauft. 1977 wurde die Zahl der amtlich anerkannten zweisprachigen Gemeinden um fünf Sechstel reduziert.