Ein einziger nur kehrte zurück

Nicht jede Niedertracht war angeordnet – Dokumente, die traurig und betroffen machen

Von Bernd Rudolph

Zitat: "Vor rund 250 Jahren nisteten sich die ersten Juden in der Stadt Jever ein. Die brave Einwohnerschaft wehrte sich jahrzehntelang gegen diese höchst unerwünschten Eindringlinge ... Jeder bodenständige Einwohner hat sich allezeit mit Abscheu abgewandt von diesem widerlichen und innerlich wie äußerlich fremden und abstoßenden Treiben der Juden, die uns immer wieder als unsere braven .Mitbürger’ präsentiert wurden ... Vielleicht dauert es nicht mehr lange und der letzte Jude hat unserer Heimat endgültig den Rücken gekehrt. Dann hat ein 250jähriges unrühmliches ‚Gastspiel‘ endlich sein Ende gefunden."

Auf Geschichtsklitterung verstanden sich die Nazis von jeher. Von Hitlers welthistorischen Ergüssen bis zur nationalsozialistischen Verdrehung von Heimatkunde reicht der realitätsfremde Blödsinn. Das Beispiel stammt aus dem "Jeverschen Wochenblatt" vom 22. November 1938 und es ist nur eines unter zahlreichen bedrückenden Dokumenten zum Thema:

"Verbannte Bürger. Die Juden aus Jever. Dokumente und Darstellungen zur Geschichte der Juden Jevers 1698-1984"; herausgegeben von Hartmut Peters; mit Unterstützung des Vereins ehemaliger Schüler des Mariengymnasiums Jever, 1984, über Buchhandlung Tolksdorf, Am Kirchplatz 21, 2942 Jever. 134 S., 10,– DM (zur Zeit vergriffen, Neuauflage in Vorbereitung).

Das Buch basiert auf einer Ausstellung "Zur Geschichte der Juden Jevers", die von Schülern und Lehrern des Mariengymnasiums in der ostfriesischen Stadt initiiert wurde. Sowohl die Ausstellung wie auch eine Einladung an ehemalige Mitbürger jüdischen Glaubens, ihre alte Heimatstadt nach Jahrzehnten wieder aufzusuchen, gehen auf eine "Schülerbewegung" zurück, "die seit 1978 immer wieder auch Lehrer motiviert hat, bei der Erkundung der Vergangenheit der Gegenwart, bei der Präsentation der Ergebnisse und bei politischen Projekten zu helfen". Für die Schüler gab es gleich ein ganzes Bündel an Motiven hierfür: Warnung vor Neofaschismus, Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit, Auseinandersetzung mit den schweigenden Eltern und Großeltern, Defizite des Schulunterrichts.

Das Buch will stadthistorische Zusammenhänge darstellen, "damit sie nicht verlorengehen". Verlorengegangen ist schließlich schon genug: die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland und damit ihr Beitrag zur Geschichte vieler Gemeinwesen. Zeugnisse jüdischer Existenz sind rar geworden. Geblieben sind einige wenige Zentren, Berlin oder Frankfurt zum Beispiel. In der deutschen Provinz ist der Untergang beinahe total. "Reichskristallnacht" und Holocaust haben ruiniert und ausgelöscht.

Ein einziger nur kehrte zurück

Das gilt auch für Jever. Nirgendwo sonst im Oldenburgischen gab es mehr Juden als gerade hier. Die Synagoge der Stadt galt als die schönste und größte des Landes Oldenburg. Noch 1933 lebten hier mehr Juden als Katholiken. Die Statistik von 1905 weist 209 Juden aus, als die Nazi-Herrschaft begann, waren es noch 180. Jever hatte damals 6000 Einwohner. "Die Geschichte der Juden Jevers", so schreiben die Autoren, "kann als Modell einer Judenschaft in einer ländlich bestimmten Kleinstadt gelten."

In dieser Modellhaftigkeit vor allem liegt der Wert dieser Dokumentation. Die historische Forschung hat sich vorzugsweise mit den großstädtischen jüdischen Zentren beschäftigt. Das Leben der Juden auf dem Lande blieb weitgehend unerforschte "terra incognita". Dabei lebten so viele Juden in der deutschen Provinz, in Baden und in der Pfalz vor allem, im Rhein-Main-Gebiet und auch im alten Land Oldenburg. Dort war die Obrigkeit "den Juden gegenüber vergleichsweise aufgeschlossen, was sich im .provinziellen Jever, zumindest für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, nur mit deutlichen Abstrichen realisierte". Enno Meyer nennt im Beitrag über "Die Juden im Oldenburger Land" als Beispiel für Illiberalität in der Stadt die Verweigerung des kommunalen Stimmrechts vor 1849, obgleich dies in Oldenburg prinzipiell erlaubt war. Das Staatsgrundgesetz von 1849 bestimmte die formale Gleichheit der Juden. Hiermit eröffnete sich die Chance der sozialen Emanzipation, die bis 1933 Schritt für Schritt voranging.

Wie sich diese Emanzipation der Juden in Jever vollzog, ist in dem Buch sehr detailgenau dokumentiert. Das Jever der Gründerzeit wurde zunehmend eine Stadt des Pferde- und Viehhandels, von dem 40 Prozent der jüdischen Haushalte lebten. Als Stadt mit steigendem Geldumsatz bot sie darüber hinaus auch Kaufleuten anderer Branchen eine Existenz. Aus wirtschaftlichen Gründen war Jever für die Juden attraktiv, wenngleich man sie "nicht als wohlhabend bezeichnen" kann. Mittelständisch waren sie aber allemal.

Nur scheinbar integriert

Im sozialen Bereich gab es zunehmende "Emanzipationsgewinne und Anzeichen von Integration". Augenfällig wird dies vor allem in der Kommunalpolitik, wo wir nach der Reichsgründung auch erste jüdische Stadträte vertreten finden. Und auch in den Honoratiorenklüngeln, wo die Spitzen der Jeveraner Gesellschaft den Ton angaben, finden sich in jener Epoche schon vereinzelt Juden. "Montagskegelklub", "Liederkranz", Schützen und Kriegerverein – die "geschlossene Gesellschaft" der "besseren" Kreise öffnete sich zaghaft und wählte sorgfältig "ihre" Juden aus. So durften auch Juden im "Jeverschen Männergesangsverein" singend ihren patriotischen Beitrag zu nationalen Erbauungsfeiern leisten. Integration auf jeveranisch, aber auch beispielhaft für andere Ecken deutscher Provinz, wo es nicht anders herging.

So nimmt es denn nicht wunder, daß die Juden Jevers die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und wohl auch noch die zwanziger Jahre als eine Art "Goldenes Zeitalter" in Erinnerung haben. Die Dokumente lassen diesen Schluß jedenfalls zu. Das sollte freilich Episode bleiben. Die Frage der Autoren, "ob dies nicht Illusion, substanzloses Geschenk einer prosperierenden Epoche des Bürgertums war", ist zu Recht gestellt. Denn die Auskreisung, die Diskriminierung, die Vertreibung und die Liquidierung läßt in den späten Krisenjahren und den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft auch in Jever nicht lange auf sich warten. Auch hier entfaltet sich Zug um Zug die ganze Skala "mitbürgerlicher" Gemeinheit und Niedertracht wie überall in Deutschland, wo der Spießer staatlichen Zuspruchs und ideologisch unterfütterter Ermunterung gewiß sein konnte, wo er schikanierend und marodierend Selbstjustiz übte.

Was das Buch hierzu an Dokumenten vereint, macht betroffen und traurig zugleich. Nicht jede Niedertracht war angeordnet. Die Phantasie der Spießer geht in totalitären Staaten manchmal noch über das hinaus, was Bürokraten anordnen. NS-Alltägliches aus der deutschen Provinz: Bessere Bürgerkreise schicken ihre Kinder nicht mehr zum Musiklehrer, Juden werden in den Geschäften immer als letzte bedient, fast niemand vermietet an Juden eine Wohnung, das Krankenhaus Jever verwehrt einer schwerverletzten Jüdin die Aufnahme, "kein Arzt war hier bereit, auch nur einen Verband anzulegen".

Ein einziger nur kehrte zurück

Über die Zeit 1937/38 schreibt die heute in Israel lebende Eva Basnizki, geb. Hirche: "Wir mußten, der zunehmenden Feindseligkeit den Juden gegenüber wegen, mehrmals umziehen ... Meine Erinnerungen an die Blaue Straße sind besonders schwer, da meine Mutter und ich dauernd den antisemitischen Belästigungen der Nachbarschaft ausgesetzt waren, welche bei mir auch manchmal in Prügel ausarteten. Ich weiß noch, als Vier- bis Fünfjährige so verängstigt gewesen zu sein, daß ich mich allein nicht mehr auf die Straße wagte. Es gab auch nette Nachbarn, die uns noch wie Menschen behandelten. Der ewigen Drohungen der Nazis wegen, mußten sie sich bald zurückhalten." Zurückhaltung war nicht angezeigt, wenn es darum ging, am Mariengymnasium beispielsweise jüdische Mitschüler anzupöbeln. Lehrer und Schüler befanden sich hierbei in einer "unheiligen Allianz", die den Besuch der Schule für die Betroffenen zunehmend zur Qual machte. 1938 wurden jüdische Schüler auch hier ausgekreist. Jüdische Schulen mußten gegründet werden.

Doch all dies war auch für die Juden Jevers nur der Vorhof zur Hölle, Spätestens nach dem Pogrom vom November 1938 wurde die Gefahr, als Jude in Deutschland zu leben, tödlich. Nur wenigen war in den Jahren nach 1933 eine Auswanderung möglich. Es waren vor allem jüngere Juden, häufig mit gymnasialer und akademischer Bildung, die relativ früh nach 1933 Jever verließen. Nach dem Brand der Synagoge emigrierten auch zahlreiche Jeveraner Juden. Die Niederlande waren für viele das erste Auswanderungsziel, denn nach dorthin gab es verwandtschaftliche Bindungen. Nach einer Odyssee gelangten viele von ihnen nach Palästina, nach Lateinamerika, den USA, Shanghai und Australien.

Wie überall in Deutschland

Ein einziger nur kehrte zurück: Fritz Levy, der "Bürgerschreck", der "erste Alternative" und vor allem das "leibhaftige schlechte Gewissen Jevers", der immer wieder betonte, daß die fünfziger Jahre in Jever für ihn deprimierender gewesen seien als die dreißiger. Seit der einsame Alte 1982 durch Freitod aus dem Leben schied, erinnert öffentlich nur noch eine Gedenktafel am einstigen Platz der zerstörten Synagoge daran, daß Jever einmal Zentrum der Juden in Niedersachsen war. Auschwitz, Lodz, Theresienstadt und Bergen-Belsen sind nur einige Schlußpunkte in diesem Kapitel einer jüdischen Gemeinde, deren Aufstieg und Niedergang so typisch ist wie das Schicksal anderer Gemeinden im ländlichen und kleinstädtischen Deutschland auch. Daß dies innerhalb der Mauern einer nationalsozialistischen Hochburg geschah, ist auch nicht außergewöhnlich. Hochburgen wie Jever gab es viele in Deutschland, auch schon in den zwanziger Jahren.

Diese "Geschichte von unten", die von einer Generation der Nichtbetroffenen (oder doch?) sorgsam zusammengetragen wurde, macht in beinahe jedem Detail betroffen. Jeder Zeitungsausschnitt, jeder Brief von Emigranten, jedes Photo und jedes historische Dokument (es sind insgesamt über 170 Materialien) geben Einblick in das Innenleben einer Kleinstaat und einer jüdischen Gemeinde, die anscheinend fest integriert ist und doch "auf höheren Befehl hin ohne viel Widerworte ausgelöscht wurde". Jever in Ostfriesland hat die Umwidmung von der Feste "bürgerlicher Liberalität" zur Feste "faschistischer Barbarei" ebenso leicht vollzogen wie nach dem Krieg den Übergang zu einem demokratischen Gemeinwesen – und dies in nicht einmal einem Lebensalter. Wie überall in Deutschland. Nachdenken über Deutschland ist nach diesem Buch angezeigt.