Das gilt auch für Jever. Nirgendwo sonst im Oldenburgischen gab es mehr Juden als gerade hier. Die Synagoge der Stadt galt als die schönste und größte des Landes Oldenburg. Noch 1933 lebten hier mehr Juden als Katholiken. Die Statistik von 1905 weist 209 Juden aus, als die Nazi-Herrschaft begann, waren es noch 180. Jever hatte damals 6000 Einwohner. "Die Geschichte der Juden Jevers", so schreiben die Autoren, "kann als Modell einer Judenschaft in einer ländlich bestimmten Kleinstadt gelten."

In dieser Modellhaftigkeit vor allem liegt der Wert dieser Dokumentation. Die historische Forschung hat sich vorzugsweise mit den großstädtischen jüdischen Zentren beschäftigt. Das Leben der Juden auf dem Lande blieb weitgehend unerforschte "terra incognita". Dabei lebten so viele Juden in der deutschen Provinz, in Baden und in der Pfalz vor allem, im Rhein-Main-Gebiet und auch im alten Land Oldenburg. Dort war die Obrigkeit "den Juden gegenüber vergleichsweise aufgeschlossen, was sich im .provinziellen Jever, zumindest für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, nur mit deutlichen Abstrichen realisierte". Enno Meyer nennt im Beitrag über "Die Juden im Oldenburger Land" als Beispiel für Illiberalität in der Stadt die Verweigerung des kommunalen Stimmrechts vor 1849, obgleich dies in Oldenburg prinzipiell erlaubt war. Das Staatsgrundgesetz von 1849 bestimmte die formale Gleichheit der Juden. Hiermit eröffnete sich die Chance der sozialen Emanzipation, die bis 1933 Schritt für Schritt voranging.

Wie sich diese Emanzipation der Juden in Jever vollzog, ist in dem Buch sehr detailgenau dokumentiert. Das Jever der Gründerzeit wurde zunehmend eine Stadt des Pferde- und Viehhandels, von dem 40 Prozent der jüdischen Haushalte lebten. Als Stadt mit steigendem Geldumsatz bot sie darüber hinaus auch Kaufleuten anderer Branchen eine Existenz. Aus wirtschaftlichen Gründen war Jever für die Juden attraktiv, wenngleich man sie "nicht als wohlhabend bezeichnen" kann. Mittelständisch waren sie aber allemal.

Nur scheinbar integriert

Im sozialen Bereich gab es zunehmende "Emanzipationsgewinne und Anzeichen von Integration". Augenfällig wird dies vor allem in der Kommunalpolitik, wo wir nach der Reichsgründung auch erste jüdische Stadträte vertreten finden. Und auch in den Honoratiorenklüngeln, wo die Spitzen der Jeveraner Gesellschaft den Ton angaben, finden sich in jener Epoche schon vereinzelt Juden. "Montagskegelklub", "Liederkranz", Schützen und Kriegerverein – die "geschlossene Gesellschaft" der "besseren" Kreise öffnete sich zaghaft und wählte sorgfältig "ihre" Juden aus. So durften auch Juden im "Jeverschen Männergesangsverein" singend ihren patriotischen Beitrag zu nationalen Erbauungsfeiern leisten. Integration auf jeveranisch, aber auch beispielhaft für andere Ecken deutscher Provinz, wo es nicht anders herging.

So nimmt es denn nicht wunder, daß die Juden Jevers die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und wohl auch noch die zwanziger Jahre als eine Art "Goldenes Zeitalter" in Erinnerung haben. Die Dokumente lassen diesen Schluß jedenfalls zu. Das sollte freilich Episode bleiben. Die Frage der Autoren, "ob dies nicht Illusion, substanzloses Geschenk einer prosperierenden Epoche des Bürgertums war", ist zu Recht gestellt. Denn die Auskreisung, die Diskriminierung, die Vertreibung und die Liquidierung läßt in den späten Krisenjahren und den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft auch in Jever nicht lange auf sich warten. Auch hier entfaltet sich Zug um Zug die ganze Skala "mitbürgerlicher" Gemeinheit und Niedertracht wie überall in Deutschland, wo der Spießer staatlichen Zuspruchs und ideologisch unterfütterter Ermunterung gewiß sein konnte, wo er schikanierend und marodierend Selbstjustiz übte.

Was das Buch hierzu an Dokumenten vereint, macht betroffen und traurig zugleich. Nicht jede Niedertracht war angeordnet. Die Phantasie der Spießer geht in totalitären Staaten manchmal noch über das hinaus, was Bürokraten anordnen. NS-Alltägliches aus der deutschen Provinz: Bessere Bürgerkreise schicken ihre Kinder nicht mehr zum Musiklehrer, Juden werden in den Geschäften immer als letzte bedient, fast niemand vermietet an Juden eine Wohnung, das Krankenhaus Jever verwehrt einer schwerverletzten Jüdin die Aufnahme, "kein Arzt war hier bereit, auch nur einen Verband anzulegen".