Über die Zeit 1937/38 schreibt die heute in Israel lebende Eva Basnizki, geb. Hirche: "Wir mußten, der zunehmenden Feindseligkeit den Juden gegenüber wegen, mehrmals umziehen ... Meine Erinnerungen an die Blaue Straße sind besonders schwer, da meine Mutter und ich dauernd den antisemitischen Belästigungen der Nachbarschaft ausgesetzt waren, welche bei mir auch manchmal in Prügel ausarteten. Ich weiß noch, als Vier- bis Fünfjährige so verängstigt gewesen zu sein, daß ich mich allein nicht mehr auf die Straße wagte. Es gab auch nette Nachbarn, die uns noch wie Menschen behandelten. Der ewigen Drohungen der Nazis wegen, mußten sie sich bald zurückhalten." Zurückhaltung war nicht angezeigt, wenn es darum ging, am Mariengymnasium beispielsweise jüdische Mitschüler anzupöbeln. Lehrer und Schüler befanden sich hierbei in einer "unheiligen Allianz", die den Besuch der Schule für die Betroffenen zunehmend zur Qual machte. 1938 wurden jüdische Schüler auch hier ausgekreist. Jüdische Schulen mußten gegründet werden.

Doch all dies war auch für die Juden Jevers nur der Vorhof zur Hölle, Spätestens nach dem Pogrom vom November 1938 wurde die Gefahr, als Jude in Deutschland zu leben, tödlich. Nur wenigen war in den Jahren nach 1933 eine Auswanderung möglich. Es waren vor allem jüngere Juden, häufig mit gymnasialer und akademischer Bildung, die relativ früh nach 1933 Jever verließen. Nach dem Brand der Synagoge emigrierten auch zahlreiche Jeveraner Juden. Die Niederlande waren für viele das erste Auswanderungsziel, denn nach dorthin gab es verwandtschaftliche Bindungen. Nach einer Odyssee gelangten viele von ihnen nach Palästina, nach Lateinamerika, den USA, Shanghai und Australien.

Wie überall in Deutschland

Ein einziger nur kehrte zurück: Fritz Levy, der "Bürgerschreck", der "erste Alternative" und vor allem das "leibhaftige schlechte Gewissen Jevers", der immer wieder betonte, daß die fünfziger Jahre in Jever für ihn deprimierender gewesen seien als die dreißiger. Seit der einsame Alte 1982 durch Freitod aus dem Leben schied, erinnert öffentlich nur noch eine Gedenktafel am einstigen Platz der zerstörten Synagoge daran, daß Jever einmal Zentrum der Juden in Niedersachsen war. Auschwitz, Lodz, Theresienstadt und Bergen-Belsen sind nur einige Schlußpunkte in diesem Kapitel einer jüdischen Gemeinde, deren Aufstieg und Niedergang so typisch ist wie das Schicksal anderer Gemeinden im ländlichen und kleinstädtischen Deutschland auch. Daß dies innerhalb der Mauern einer nationalsozialistischen Hochburg geschah, ist auch nicht außergewöhnlich. Hochburgen wie Jever gab es viele in Deutschland, auch schon in den zwanziger Jahren.

Diese "Geschichte von unten", die von einer Generation der Nichtbetroffenen (oder doch?) sorgsam zusammengetragen wurde, macht in beinahe jedem Detail betroffen. Jeder Zeitungsausschnitt, jeder Brief von Emigranten, jedes Photo und jedes historische Dokument (es sind insgesamt über 170 Materialien) geben Einblick in das Innenleben einer Kleinstaat und einer jüdischen Gemeinde, die anscheinend fest integriert ist und doch "auf höheren Befehl hin ohne viel Widerworte ausgelöscht wurde". Jever in Ostfriesland hat die Umwidmung von der Feste "bürgerlicher Liberalität" zur Feste "faschistischer Barbarei" ebenso leicht vollzogen wie nach dem Krieg den Übergang zu einem demokratischen Gemeinwesen – und dies in nicht einmal einem Lebensalter. Wie überall in Deutschland. Nachdenken über Deutschland ist nach diesem Buch angezeigt.