Von Marianna Butenschön

Eigentlich wollten die Polizisten nur den Führerschein überprüfen, als sie am 6. April den Lastwagen aus dem Eisenhüttenwerk Rustawi bei Tiflis anhielten. Statt dessen entdeckten sie eine Ladung von 8497 Kilogramm Äpfeln und 570 Kilogramm Birnen, die „Privatpersonen“ gehörten und zum Export an einen Ort außerhalb der Grenzen der Unionsrepublik Georgien bestimmt waren. Ein Arbeiter der Eisenhütte hatte seinem Kollegen den Lastwagen überlassen, damit der auf einem nördlichen Kolchosmarkt auf eigene Rechnung sein Obst verkaufen konnte – ein klarer Fall von „Spekulation“, auf den in der Sowjetunion bis zu fünfzehn Jahren Freiheitsentzug stehen. Denn der Export landwirtschaftlicher Produkte aus Georgien auf privatem Weg ist seit 1972 verboten.

Die Verordnung war eine der ersten Amtshandlungen, die Eduard Schewardnadse, der neue sowjetische Außenminister, vornehmen ließ, nachdem er im September 1972 Erster Sekretär des Zentralkomitees der Georgischen Kommunistischen Partei geworden war.

Schewardnadses Vorgänger Wassilij Mschawanadse hatte bis zum Hals im Korruptionssumpf gesteckt. Mißwirtschaft, Bestechung, Vetternwirtschaft, mithin „Abweichungen von der Kaderpolitik“ und „Abweichungen von der kommunistischen Moral“ hatten sich unter seiner Herrschaft im Lande ausgebreitet. Über die wirtschaftliche Lage Georgiens könne man sich kein Bild mehr machen, klagte Schewardnadse im Juli 1973 auf einem ZK-Plenum, da die Statistiken unter seinem Vorgänger systematisch gefälscht worden seien.

Tatsächlich lag Georgien damals auf einem der hintersten Plätze der sowjetischen Prosperitätsskala. Schewardnadse räumte deshalb erst einmal auf: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hatte er Korruptionsfälle in fünfzig Ministerien und Behörden aufgedeckt und die zuständigen Funktionäre postwendend in Pension oder vor Gericht geschickt. Sie wurden durch jüngere Kader ersetzt. Alle Jahre wurden dann die Säuberungen wiederholt.

Er startete aber auch dreißig verschiedene Wirtschaftsexperimente in der Landwirtschaft und in der Industrie, im Bau- und Transportwesen, in der Konsumgüterbranche und im Banken- und Kreditwesen. Zwei davon haben Georgien heute den Ruf eines Musterlandes eingebracht, auch wenn es das – trotz bemerkenswerter Erfolge – selbst nach dreizehn Jahren Schewardnadse-Herrschaft noch nicht ist. Doch das Agrarexperiment von Abascha, das Schewardnadse selbst gerne seine „erste Schwalbe“ nennt, und das Industrieexperiment von Poti sind berühmt.

Abascha ist ein Rayon – ein Kreis in Schewardnadses engerer Heimat West-Georgien. Die Kolchosen der einstigen „Maiskammer“ in der Ebene von Kolchis, wo einst Roms Feldherr Lukullus die Kirsche entdeckte und mittelalterliche Feudalherren den Fasan als jagdbaren Vogel erkannten, erfüllten ihren Plan nur noch zu sieben und weniger Prozent.