Der Westen darf die Chance des Führungswechsels im Kreml nicht verpassen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn mir vor dem Krieg, in der Zeit meines Studiums, jemand gesagt hätte, eines Tages werde ein Trennungsstrich quer über den belebtesten Platz Berlins gezogen werden, der nur heimlich und unter absoluter Lebensgefahr überschritten werden könne, so hätte ich den Betreffenden für einen Spinner gehalten. Und wenn mir jemand 1961 prophezeit hätte, die Mauer, die damals errichtet wurde und die seitdem den Potsdamer Platz in zwei Teile zerschneidet, werde auch nach fast 25 Jahren noch unverändert bestehen, so hätte ich dies einfach nicht geglaubt. Es ist eben erstaunlich, wie lang unhaltbare Zustände halten.

Ebenso verwunderlich ist es, wie unerreichbar manche Ziele sind: Wenn die Beteiligten meinen, endlich davorzustehen, verschwinden sie wieder um die nächste Ecke. So glaubten die Russen, als sie in den fünfziger Jahren vor den Amerikanern den ersten Sputnik ins Weltall lancierten, ihnen sei damit der Durchbruch gelungen. Und die Amerikaner ihrerseits meinten, Anfang der siebziger Jahre, als ihnen das „Mirven“, die Bestückung einer Rakete mit mehreren, individuell steuerbaren Sprengköpfen gelang, damit hätten sie nun die Überlegenheit über die andere Supermacht erreicht.

Denn wenn auch beide offiziell den Gleichstand als ausreichendes Ziel für ihr Sicherheitsbedürfnis proklamieren, insgeheim strebt doch jeder nach superiority und nicht nach parity. Sehr deutlich wurde dies bei den bisherigen Rüstungskontrollverhandlungen: Die Amerikaner verlangten einen überproportionalen Abbau der schweren, landgestützten Raketen, die die wichtigste Waffe der Sowjets sind; die Russen ihrerseits wollten den Amerikanern moderne Mittelstreckenraketen (Pershing) verbieten, über die sie selber bereits verfügten (SS-20). Jedem gelingt es, des anderen Wunderwaffe immer wieder in den Schatten zu stellen und ihn dadurch zu verunsichern.

Es scheint, als könne keiner zur Ruhe kommen, so lange der andere existiert, als handele es sich um einen Ausschließlichkeitsanspruch des Herrschens, wie er einst zwischen Rom und Karthago bestand. Dabei ist die interdependent gewordene. Welt einerseits zu klein für solche Vorstellungen, andererseits groß genug, um beiden rivalisierenden Mächten Platz zu bieten.

Auch die Protestanten und Katholiken, die im 17. Jahrhundert geglaubt hatten, nicht im selben Staat leben zu können und die jahrzehntelang Krieg führten, um die Gegenpartei zu unterwerfen, haben schließlich den Kampf eingestellt, weil sie einsahen, daß er sich nicht lohnte – vielleicht ja auch einfach, weil er ihnen langweilig geworden war.