Von Michael Schwelien

"Ich bin noch nie in meinem Leben einem Menschen einen Pfennig schuldig geblieben."

Hans-Otto Scholl

Baden-Baden, im Juli

Baden-Badens Leitender Oberstaatsanwalt, Reiner Haehling von Lanzenauer, ist ein bedächtiger Mann. Wenn der hochgewachsene Vater von fünf Kindern gemessenen Schrittes den Gerichtssaal verläßt, zeigt er keine Spur von Ungeduld. Für Haehling wäre ein Erfolg im Prozeß gegen den wegen schweren Raubes angeklagten FDP-Politiker Hans-Otto Scholl nicht die erste staatsanwaltschaftliche Ruhmestat. Er hat zum Beispiel nach über zweijährigen Ermittlungen auch "Monsieur X" überführt, jenen eigentümlichen Erpresser, der mehrere Züge der Bundesbahn entgleisen ließ. Als der Verdächtige endlich gefaßt war, schien das Beweismaterial lückenhaft, die Identität unklar – bis "Monsieur X" am Ende doch überführt und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Man muß es wohl ernst nehmen, wenn dieser beharrliche, mit fast schweizerischer Langsamkeit sprechende Ankläger am dritten Tage des Scholl-Prozesses dem Angeklagten zuruft: "Was Sie da erklärt haben, das hat mich innerlich vom Sessel gerissen." Innerlich. Andere, in Strafprozessen auch nicht gänzlich Unerfahrene, hat es buchstäblich vom Stuhl gerissen, was Scholl da in leicht nervösem Timbre über jenen 28. Dezember 1984 vortrug, an dem das Juweliergeschäft Koch am oberen Ende der Kurhaus-Kolonnaden von einem bewaffneten Verbrecher um Schmuck im Wert von 6,2 Millionen Mark beraubt wurde.

Der Täter, das hatte Haehling beim Verlesen der Anklageschrift vorgebracht, betrat den Laden gegen 15 Uhr 30. Nach kurzem Gespräch drückte er dem allein anwesenden Juwelierssohn Dirk Greiling einen harten Gegenstand in die Hüfte und rief: "Überfall – Hände hoch." Dann befahl er Greiling, sich im Tresorraum hinzulegen. Die in diesem Augenblick in das Geschäft zurückkehrende Freundin Greilings, Corinna Monnecke, mußte sich zunächst auf ihren Freund legen, dann ihn fesseln und sich erneut auf ihn legen. Bevor der Täter mit der Beute entschwand, feuerte er einen Schuß durch den Vorhang in die Wand. Einschußhöhe: 125 Zentimeter, allenfalls 80 Zentimeter über den beiden jungen Leuten. Ein Querschläger hätte tödliche Wirkung haben können.

Scholl will, das schildert er akribisch, mit genauester Kenntnis von Details gegen 15 Uhr 30 am unteren Ende der Kurhaus-Kolonnaden aus dem von seiner Tochter gesteuerten Wagen gestiegen sein. Er sei zunächst zur Post gegangen, habe dann mehrere Anrufe getätigt. Danach habe er die nahegelegene Hauser-Boutique aufgesucht, um seiner Frau ein Kleid zu kaufen. Bei der Bezahlung will er festgestellt haben, daß er ein Lederetui mit Kreditkarten vermißte. In der Post will er dann das Etui wiedergefunden haben. Im Herrengeschäft Robinson kaufte er mit einer Kreditkarte dann einen Mantel und eine Lederjacke für seinen Sohn. Dieser Einkauf ist belegt: Um 16 Uhr 13 rief die Verkäuferin bei American Express an, um die Kreditwürdigkeit des Kunden Scholl zu prüfen.

Scholl muß schnell ausgeschritten sein an jenem kalten Dezembertag. Nach Robinson will er abermals bei Hauser eingetreten sein, um das Kleid zu bezahlen. Alsdann, sagt er, ging er zum (mehrere hundert Meter entfernten) Kaufhaus Horten: "Ich benötigte Rasierutensilien für eine bevorstehende längere Reise." Der Tochter besorgte er angeblich noch ein Buch um dann, so seine Behauptung, um 16 Uhr 25 zum Wagen und der darin wartenden Familie zurückzukehren.

Wie gesagt: akribisch. Aber auch überzeugend? Was den Staatsanwalt Haehling da innerlich so sehr bewegte, war die Tatsache, daß Scholl all dieses erst während der Hauptverhandlung, nicht aber während der beiden Vernehmungen durch die Kriminalpolizei und das Gericht vortrug.

Die Fragen drängen sich geradezu auf – und Haehling sowie Richter Günter Hertweck stellen sie auch: Wem galten die Anrufe? "Meiner Schwester" (die Scholl nicht erreichte); "meiner Lebensgefährtin, Frau Zimmermann" (die er ebensowenig erreichte); "dem Büro von Rechtsanwalt Geis" (dem eloquenten Verteidiger, der Scholl auch jetzt vertritt, und dem bei dieser Aussage sichtbar der Unterkiefer herunterrutscht). Später, viel später, schiebt Scholl noch die Information über einen vierten Anruf nach: an eine Mitarbeiterin der Anstalt für Kabelkommunikation in Ludwigshafen.

Welche Art Rasierutensilien suchte Scholl, daß er den weiten Weg zu Horten ging, während seine Familie im Wagen ausharrte, und wo es doch Drogerien auf dem Wege gibt? Scholl ("Ich bin ein an Gewohnheiten gebundener Mensch") sagt, Rasierseife, Deodorant und Rasierwasser Marke "Tabac". Man kommt nicht umhin zu bilanzieren Diese zur Entlastung vorgebrachten Aussagen haben wenig Gewicht gegen die belastenden Indizien des Staatsanwalts. Anfangszeit und Schlußphase dieses "Einkaufsbummels" sind noch nicht bewiesen. Fest steht dagegen: Juwelierssohn Greiling und Freundin Monnecke identifizierten Scholl als den mutmaßlichen Täter. Scholl besitzt einen Revolver desselben Kalibers die Tatwaffe, vier Schuß einer seltenen Munition (Kaliber 39 special Wad Cutter) wurden bei ihm gefunden, ein Schuß solcher Munition steckte in der Wand des Tresorraumes; zwei Schmuckstücke aus der Beute wurden in Scholls Tresor in Zürich beschlagnahmt.

Wo der Revolver heute ist, sagt Scholl, wisse er nicht. Für die Ringe in seinem Tresor wartete er mit einer Erklärung auf: "Ein angeblicher Verwandter eines Herrn Keßler" habe sie ihm zum Verkauf übergeben, weil Scholl diesen Keßler ehedem beraten habe. Keßler habe Geld benötigt, um eine gerichtliche Kaution zu stellen.

Wer ist dieser Keßler, wer sein "angeblicher Verwandter"? Als Scholl diesen bis dato unbekannten möglichen Entlastungszeugen nennt, laß: sich Richter Hertweck zu dem unbedachten Seufzer hinreißen: "Möglicherweise platzt jetzt die Hauptverhandlung." Wohl eingedenk der drückenden Indizien hat Hertweck nur sieben Verhandlungstage anberaumt. Er ist in Baden-Baden Stadtrat für die CDU, seine Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz sind bekannt Erst dieses Jahr wurde das Richter-Karussell der Kurstadt so gedreht, daß Hertweck den Vorsitz der Strafkammer erhielt, die jetzt gegen Scholl verhandelt.

Offenkundig will er den Prozeß schnell "durchziehen". Das alles mag nicht genügen, um Hertweck für befangen zu erklären. Doch schön ist es nicht, wenn der Eindruck entsteht, die Unabhängigkeit des Richters finde ihre Grenze an dessen politischem Ehrgeiz.

Strafverteidiger Egon Geis weiß ebenfalls von der Last der Indizien. Der große Plauderer, der er nun einmal ist, verrät jedem, worauf er abzielt: "Ein, längeres Verfahren, da gibt es automatisch Formfehler." Vielleicht noch mehr? Man kann sicher sein, daß Geis noch weitere Tricks aus dem Hut ziehen wird. Während einer abermaligen Unterbrechung gesteht Hertweck denn auch: "Diese ständigen Pausen, die zehren an meinen Nerven."

Über kurz oder lang wird das Gericht versuchen müssen, sich in die Lage des Angeklagten zu versetzen. "Warum", fragt Gerhard Mauz im Spiegel, "bläst ein Flötenvirtuose plötzlich auf dem Kamm?" Anders: Warum sollte der gewiefte Lobbyist Scholl, warum sollte der Finanzjongleur des Pharmaverbandes den Revolver in die Hand nehmen? Warum sollte er die Grenzen von der diskreten Beeinflussung (mit eigener Vorteilsnahme) zur nackten Gewalt übertreten? Da muß schon vieles zusammen gekommen sein.

Scholl lebte jahrelang zwischen zwei Frauen. Aber er sagt: "Ich hatte keinen Grund, mich scheiden zu lassen. Es gab Konfliktsituationen, es war schwierig – ich habe versucht, beiden Seiten gerecht zu werden." Hat er je den Mut aufgebracht, einer der beiden Seiten die volle Wahrheit zu sagen? So wie Scholl jetzt den mysteriösen Verwandten des Petenten Keßler anführt, so hat er schon immer Unbekannte, Ungenannte zu Zeugen berufen wollen. Einem "Mister Jain" will er fünfzig Goldmünzen im Wert von 33 000 Mark verkauft haben, Münzen, die dem Pharmaverband gehörten. Ein Treffen mit einem Brüsseler "Partner" soll der eigentliche Zweck seiner Reise am 28. Dezember nach Baden-Baden gewesen sein. Aber er will dessen Namen nicht nennen: "Wer einmal in diesem Bereich indiskret ist, der ist erledigt." Existieren diese Personen, die den stark Beschuldigten entlasten könnten, überhaupt?

Die wenigen hundert Mark, von denen Scholl zugibt, sie im Baden-Badener Casino am Abend des 28. verspielt zu haben, werden wohl der geringste Einsatz gewesen sein, den er gesetzt hat. Als Scholl sich 1980 mit dem Pharmaverband verglich, verpflichtete er sich, die von ihm als Geldanlage für seinen Arbeitgeber angeschafften Perserteppiche, Brillanten, Münzen, Uhren, Gewehre, Graphiken im Werte von über zwei Millionen Mark zu übernehmen. Scholl hatte diese "Gegenstände", wie er sie nennt, aus Mitteln der Verbandsreserve gekauft. Er mußte sie verkaufen, denn der Verband verlangte 1,6 Millionen Mark plus Zinsen bis Ende 1982 zurück. Scholl sah im Vergleich "ein Risiko, aber auch die Chance auf eigenen Gewinn".

Verteidiger Geis mag in Betracht ziehen, daß die Psyche seines Mandanten einen Knacks bekommen hat. Doch wenn Scholl dies nicht eingestehen will, wird es für den Anwalt schwierig.

Für das Gericht ist die Lage einfacher. Beim geringsten Anhaltspunkt für Schizophrenie muß es einen Psychiater als Sachverständigen bestellen.