Mengele immer noch auf der Tagesordnung

Von Walter Roller

Günzburg

Drei Jahre ist es her, da gelobten sich Schwaben und Bretonen unverbrüchliche Treue. Man tauschte Bruderküsse und Urkunden aus, feierte die Verschwisterung über Ländergrenzen hinweg als Beitrag zur Völkerverständigung. Doch nun droht die Städtepartnerschaft zwischen dem bayerischen Günzburg und dem nordfranzösischen Lannion, die so verheißungsvoll begonnen hatte, Schaden oder gar ein jähes Ende zu nehmen. Denn die Franzosen haben die „Schwestern“ und „Brüder“ im 1400 Kilometer entfernten Schwabenland im Verdacht, auf unehrenhafte Weise in den Fall Josef Mengele verstrickt zu sein.

Darauf jedenfalls deutet der lange, mit vielen Fragen gespickte Brief aus Lannion hin, der das Günzburger Rathaus in helle Aufregung versetzte. Man habe viel Unerfreuliches gelesen über Günzburg und Mengele und wolle nun wissen, was es wirklich damit auf sich habe – zum Beispiel mit dem Einfluß der Firma Mengele auf die Geschicke der Stadt und mit der Frage, welche Zusammenhänge es zwischen Günzburg und dem jahrzehntelang erfolglos gesuchten Auschwitzer Lagerarzt Josef Mengele gebe.

Das Schreiben aus Lannion beweist, in welch hohem Maße der Ruf Günzburgs unter den weltweiten Schlagzeilen gelitten hat. „Die befürchtete Rufschädigung“, so weiß Oberbürgermeister Rudolf Köppler, „ist tatsächlich eingetreten“. Der idyllischen, mit Prachtbauten aus der Habsburger Zeit und „vorderösterreichischem Charme“ um Fremdenverkehrsgäste buhlenden Kleinstadt an der Donau wurde der fragwürdige Ruhm zuteil, im Ausland mittlerweile bekannter zu sein als manche deutsche Großstadt. In den Vereinigten Staaten etwa, wo monatelang kein Tag ohne reißerisch aufgemachte Presse- und Fernsehberichte über „mengeletown“ und ihre „dunklen Geheimnisse“ verstrich, kennt momentan jedes Kind den Namen dieser Stadt. Theo Waigel, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag und Abgeordneter des Stimmkreises Günzburg/Neu-Ulm, hat es unlängst bei einer US-Reise auf schmerzliche Weise erfahren müssen. Wo auch immer Waigel Station machte, die Rede kam alsbald auf „Günzburg und Mengele“.

Dies deckt sich mit Erfahrungen, die der in Frankfurt lehrende, aus Günzburg stammende Universitätsprofessor Willi Essler gesammelt hat: „Der Ruf unserer Stadt ist gründlich ruiniert.“ Da nimmt es nicht wunder, daß sich selbst in der Partnerstadt Lannion trotz vielfältiger persönlicher Beziehungen die Sorge breitmacht, vor drei Jahren eine denkbar schlechte Wahl getroffen zu hab en.