In Österreich wurde einfacher Rebensaft auf lebensgefährliche Art chemisch „veredelt“

Von Flensburg bis München fragten sich Kunden von Supermärkten, die meist als Urlauber auf den Geschmack gekommen waren, warum sie plötzlich keinen Wein aus dem Burgenland mehr in den Regalen fanden. Wegen starker Nachfrage – so die häufige Antwort der Angestellten – kämen die Österreicher mit den Lieferungen nicht mehr nach. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Die ganze kommt erst jetzt, trotz strenger Geheimhaltung durch Handelsketten und Importeure, tröpfchenweise heraus: Die süffigen Lagen stehen unter schwerem Verdacht und wurden vorläufig aus den Regalen verbannt. Heimlich und leise fand deshalb eine umfangreiche Räumungsaktion statt. Zu Hunderttausenden wurden verdächtige Flaschen ins Ursprungsland zurückexpediert. Die von vereidigten Juroren sogar mit Gütesiegeln prämierten Spätlesen, Beerenauslesen und Eisweine können höchstens noch zu Sprit verarbeitet werden.

Was staatliche Lebensmittelkontrolleure und Gesundheitsexperten der Alpenrepublik längst wußten, aber zunächst vertuschten, erfuhren ihre deutschen Kollegen erst durch gezielte Indiskretionen aus der Branche. Ein Kellermeister, der beim Arbeitswechsel seinen früheren Chef bei der Konkurrenz verpfiff, brachte die Fahnder erst auf die Spur.

Nach dem letzten Stand der Ermittlungen haben österreichische Weinproduzenten in großem Stil gepanscht und so riesige Umsätze mit sonst knappen Sorten erzielt. Allein in letzter Zeit haben sie mindestens 15 000 Hektoliter – ausreichend für rund zwei Millionen Flaschen – ganz gewöhnlichen und deshalb schlecht verkäuflichen Traubensaftes mit Hilfe einer giftigen Chemikalie in „Spitzenqualitäten“ verwandelt. Vor allem Bundesbürger tranken den illegalen Verschnitt jahrelang ahnungslos.

Der bisher bei den in Europa üblichen Weinanalysen praktisch nie beachtete Stoff, der Gehirn, Leber und Nieren schwer schädigen und in Extremfällen sogar tödlich sein kann, heißt Diethylenglykol, kurz Diglykol genannt. Laut Merkblatt 76 zur „Gefahrenordnung Straße“ darf er nur unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen im Tankwagen transportiert werden. Besser bekannt ist die zweiwertige Alkoholverbindung als Mittel zur Luftdesinfektion, als technischer Verdünner von Lackfarben und als Frostschutz (Glysantin, Genantin) für Autokühler.

Weil Zucker bei den Gütesiegel-Tests vielleicht aufgefallen wäre, setzten die Fälscher im Burgenland ihren Rebensäften das süße Gift kübelweise zu. Bis zu 3,2 Gramm Diglykol pro Liter Wein diagnostizierte zum Beispiel der baden-württembergische Wirtschaftskontrolldienst. Während staatliche Lebensmittelkontrolleure anderer Bundesländer noch auf Anweisungen von oben warten, reagierten die Schwaben sofort: in einer Blitzaktion zogen sie sämtliche erreichbaren Abfüllungen der verseuchten Marken aus dem Verkehr. Am vergangenen Wochenende hat der Stuttgarter Regierungspräsident Manfred Bölling erstmals die Öffentlichkeit vor dem Genuß von Rüster Burgenland-Spätlesen und -Auslesen, St-Georgener Auslese, Rust-Neusiedlersee Auslese und Frauenkirchner Scheurebe-Eiswein gewarnt. Sie stammen alle aus der Ernte ’83.

Nach weiteren, von den Behörden noch nicht näher bezeichneten verdächtigten Weißweinmarken wird bundesweit gesucht. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurden ebenfalls größere Mengen beschlagnahmt. Weil derzeit kaum jemand den Einfuhren aus Österreich noch traut und Großabnehmer – die sonst rund 300 000 Hektoliter jährlich kaufen – die Lieferungen boykottieren, sei der Markt praktisch zusammengebrochen, klagen Abfüller und Importeure.