/ Von Nina Grunenberg

Paris

Wenn er nicht gerade mit 22 Bücherkisten auf der Flucht ist, um sich vor acht lebhaften Enkeln zu retten und sich abwechselnd in den Savoyer Alpen und in den Pyrenäen auf die „Geschichte Frankreichs“ zu konzentrieren, die er gerade schreibt – dann liegt Fernand Braudels Epizentrum im Quartier Latin, der intellektuellen Bannmeile von Paris. Geistig und geographisch erstreckt sie sich vom Grabe Sartres auf dem Friedhof Montparnasse im Südwesten bis zum Institut de France im Norden, unter dessen Barock-Kuppel die Académie française ihren Sitz hat. Vor kurzem wurde Fernand Braudel hier mit großem Zeremoniell in den Kreis der „Unsterblichen“ aufgenommen. Der Degen, den er dabei vorschriftsmäßig zum grünen Uniformrock trug, war ein Geschenk seiner Bewunderer im italienischen Prato: Von seiner Liebe zu Italien profitiert die Stadt durch einen internationalen Historikerkongreß, zu dem er jährlich nach Prato einlädt.

Le Monde würdigte seine Wahl in die Académie française feierlich befriedigt als „Weihe eines Häretikers“. Unter oppositioneller gesonnenen Geistern hatte seine Einwilligung, die Ehre anzunehmen, auch Enttäuschung hervorgerufen. Fernand Braudel ist der Nestor der französischen Geschichtsschreibung. Aber sein Ansehen gewann er nicht durch einen Weg in traditionellen Bahnen, sondern weil er ein Frondeur war. Sein Name ist untrennbar mit dem Begriff der „nouvelle histoire“ verbunden, einer grandiosen Renovierung der Geschichtswissenschaft, die in den zwanziger Jahren begann und auf dem ersten Historikertag, der nach dem Krieg 1950 in Paris stattfand, den „siegreichen Gegenentwurf zur geschichtswissenschaftlichen Tradition des deutschen Gegners“ darstellte. „Statt die historische Wirklichkeit in sauber voneinander getrennte Wirtschafts-, Gesellschafts-, Politik- und Kultursegmente zu spalten“, so erklärte es der Historiker Hagen Schulze, ging es den französischen Reformern „um eine historische Humanwissenschaft, die die Arbeitsfelder von Historikern und Soziologen, Ethnologen und Geographen, Psychologen und Medizinern, Linguisten und Anthropologen in ‚histoire totale‘ zusammenführte“.

Ein Standardbeispiel dieser neuen Art, Geschichte zu schreiben, war Fernand Braudels großes Werk über das „Mittelmeer und die Welt des Mittelmeeres zur Zeit Philipp II.“, das in Frankreich, Italien, Spanien und in den Vereinigten Staaten zu einem Bestseller wurde, über den die Kritiker Hymnen schrieben. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich keine Wissenschaft ohne Stil. Der Stolz der deutschen Professoren, eine verschlüsselte Fachsprache zu schreiben, die nur Eingeweihte verstehen, fehlt ihren französischen Kollegen. Sie haben den Ehrgeiz, gelesen zu werden. Ihre Bücher sind deshalb auch nicht die kalte Beschäftigung mit toten Gegenständen. Ein Mann wie Braudel versteht es, auch die Geschichte des Kapitalismus und der großen Handelsplätze Europas, für die er Spezialist ist, vollmundig, mit Wärme und Empfindung zu beschreiben. In die Academie française wurde er gewählt, weil er neben seinem Renommee in der Wissenschaft das Ideal des komme de lettre verkörpert.

Zehn Jahre hatte er sich umwerben lassen. Mit 83 Jahren gab er schließlich nach. Für manche seiner Freunde kam es fast einem Verrat gleich, daß er sich am Ende seines Lebens doch noch mit dem „System“ arrangierte. Sartre hatte es nie getan, auch Albert Camus und Louis Aragon nicht. Selbst André Malraux, der Schriftsteller und Kultusminister unter de Gaulle, der gegen Auszeichnungen nichts einzuwenden hatte, lehnte die Academie française als Anachronismus ab. Für wen, so fragten die Freunde, ist Braudels Aufnahme in den Kreis der „Unsterblichen“ denn eine Ehre? Er war auch ohne die Akademie schon ein Klassiker auf dem Olymp. War es nicht vielmehr die Akademie, die seit einigen Jahren versuchte, ihre intellektuelle Reputation aufzufrischen, und die sich, nun mit ihm schmückte – „dem einflußreichsten Historiker seit Arnold Toynbee“, wie die Herald Tribüne ihn feierte?