Von Cordt Schnibben

Cannes

In einem seiner frühen Filme wird Woody Allen wegen fortgesetzt mißglückten Banküberfalls zu einer Woche verschärftem Arrest verurteilt, ausgeliefert dem penetrantesten Versicherungsvertreter von North Carolina. Jedes Jahr im Juni sind 3000 Menschen aus 36 Ländern einer noch brutaleren Quälerei ausgesetzt: Sie müssen sich eine Woche lang, von morgens bis abends, Werbefilme anschauen, Tausende Lokuspapierspots, Bierfilmchen, Benzinstreifen, Waschmittelreklame und Kaugummiwerbung; sie sehen japanisches Bratfett, amerikanische Würstchen, französische Präservative und brasilianische Seife in Breitwand, bekommen Autos, Unterhosen und Pasta um Augen und Ohren geschlagen.

Kein Mitleid, es trifft die Richtigen, denn die Opfer sind die Täter. Es trifft die 3000 gerissensten Köpfe des aufdringlichsten Gewerbes der Welt, es trifft Werbemacher, Produzenten und Regisseure. Jedes Jahr zieht es sie nach Cannes, um einen Monat nach den Filmfestspielen gemeinsam zu büßen für das, was sie der Erdbevölkerung antun. „Festival International du Film Publicitairs“, Internationales Werbefilm-Festival, nennt sich diese längste Woche des Jahres. Wo vorher Jean-Luc Goaards „Detective“ und Allens „The Purple Rose of Cairo“ zu sehen waren, läuft nun McDonald’s „Stranger in the house“, Kodaks „Elephant“, Ajax’ „Shining“, Tsumurajuntandos „A beauty in the bath“ und andere Dreißig- oder Sechzig-Sekunden-Dramen oder -Musicals von unauslöschlicher Eindringlichkeit.

Was das ganze Jahr über von Milliarden von Menschen mit halbgeschlossenen Augen wahrgenommen wird, oder sie animiert, die Toilette aufzusuchen, erfährt in Cannes den schwindelerregenden Aufstieg zum Kunstwerk, wird beklatscht und verlacht, gefeiert und zerschmettert. Haben Sie einmal auf die Kameraführung geachtet, wenn der weiße Wirbelwind durch die Küche fegt? Sehen Sie das weiche Licht in den Pampersspots? Schon mal Karin Sommers Mienenspiel beobachtet, wenn sie die „Krönung“ aus dem Regal nimmt? Sie müssen wissen, Werbefilme haben eine eigene Bildersprache, man muß sie erlernen, um sie verstehen zu können. Spots sind manchmal verdichtete Spielfilme, können atemberaubende Gedichte sein – wenn sie gut sind. Elf Gedichte waren in diesem Jahr in Cannes zu sehen und 2167 Reklamefilme.

Pepsi oder Coke? Die Cola-Kontroverse prägte das Festival. „A choice of a new generation oder „Coca-Cola is it“? Coke verlor. Egal, ob die Spots aus Japan, Kanada, Australien oder den USA kamen, mehr als hüpfende, grinsende und saufende Kids sind der Coca-Company und ihren Kreativen im Jahre 1984 nicht eingefallen. Pepsi ließ Geraldine Ferraro („Choice is tne word of the 80th“) plädieren und Lionel Richie singen, ließ Getränkeautomaten gegeneinander kämpfen und Shuttle-Astronauten Sekunden vor dem Start nach dem sprudelnden Saft lechzen, machte schließlich den Konkurrenten lächerlich: Eine Gruppe von Völkerkundlern erreicht im Jahre 3000 die verlassene Erde, wühlt in den Überresten vergangener Epochen, findet neben bizarren Gegenständen wie einer Gitarre und einem Baseball eine gedrungene Flasche. Die aus Pepsi-Dosen trinkenden Studenten fragen ihren Professor, was das wohl sei. Der untersucht das Objekt (die Coca-Cola-Flasche) gründlich, aber: „I’ve no idea“. Der Streifen gewann am Ende den „Grand Prix“.

Fünfmal wurde der 60sekündige Science-fiction-Film gezeigt, jedesmal brachen die Zuschauer in Begeisterung aus. Das Festivalpublikum von Cannes gilt als besonders kritisch, Ovationen sind selten, Pfeifkonzerte an der Tagesordnung. Gelegentlich fliegen Toilettenpapierrollen oder Cola-Dosen Richtung Leinwand, wenn bodenständige Reklame es wagt, die Werber aus den kreativen Wolken zu holen. Neunzig Prozent aller deutschen Fernsehspots würden das Festivalgebäude zum Einsturz bringen, und die paar, die gezeigt wurden, 76 an der Zahl, kamen, von sieben Filmen abgesehen, mit verächtlichem Schweigen oder mittelstarkem Proteststurm davon.